Mittwoch, 11. März 2020 17:43 Uhr

„Es macht in jedem Fall Sinn“

Aufgrund der weiter anhaltenden Verbreitung des Corona-Virus‘ ergreift der europäische Fußball drastische Maßnahmen. Italien setzte bereits den Spielbetrieb der Serie A vorerst aus, in der Bundesliga findet erstmals ein gesamter Spieltag unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) entschied am Mittwochmittag nach Rücksprache mit allen Vereinsvertretern zunächst die kommenden beiden Spieltage der 3. Liga (28. und 29. Spieltag) auf Anfang Mai zu verschieben

Doch was bringt so eine Verlegung? Was ist das Corona-Virus überhaupt und wie schützen sich die Spieler des Chemnitzer FC? Wir haben mit Jörg Leibiger, Oberarzt am Klinikum Chemnitz und Mannschaftsarzt des Chemnitzer FC darüber gesprochen.

Jörg, es gibt derzeit viele Nachrichten zum Thema Corona. Fast täglich ergeben sich neue Situationen. Hilf uns, wie beurteilst du die aktuelle Lage?

„Grundsätzlich ist die Lage in Deutschland momentan relativ übersichtlich. Es gibt eine ganze Menge nachgewiesener Infektionen, aber im Vergleich zu anderen Ländern deutlich weniger. Inwieweit sich das Virus ausbreitet, kann man zum jetzigen Zeitpunkt nicht voraussagen. Sicherlich ist es wichtig, dass die Medien über die Sache informieren. Aber einige werden dadurch auch verunsichert. Das führt zu teils ängstlichen Reaktionen. Es ist mir jedoch lieber einmal mehr angerufen zu werden, als dass ein Patient erkrankt und den Virus unwissend verschleppt.“

Deshalb vielleicht noch einmal grundsätzlich: Welche Symptome treten bei einer Erkrankung an dem Corona-Virus auf? Was würde einem gesunden Menschen passieren, sollte er sich infiziert haben?

„Neben den Infektsymptomen, wie Husten, Fieber, Heiserkeit oder Schnupfen, kann sich der Virus im fortgeschrittenerem Stadium auf die Lungen legen. Wenn ein Patient vorgeschädigt ist oder eine Zweiterkrankung aufweist, kann es einen schwereren Verlauf bis hin zur Lungenentzündung geben.  Diese kann dann trotz intensivmedizinischer Betreuung unter Umständen zum Tode führen. Man muss aber ganz klar sagen, dass es sehr unterschiedliche Krankheitsverläufe gibt. Man kann genauso gut Träger der Infektion sein, ohne krank zu werden. Solche Fälle hatten wir in Deutschland schon. Das eigene Immunsystem spielt hierbei eine entscheidende Rolle. Jeder ist trotzdem angeraten, die allgemeinen Maßnahmen, wie häufiges Händewaschen, Abstand halten, ab und zu Desinfektionsmittel benutzen etc. anzuwenden, um sich und andere Personen zu schützen.“

Was unterscheidet eine Erkrankung an Corona von der uns bekannten Grippe?

„Das neue Corona-Virus, was in China ausgebrochen ist, hat Grippe-ähnliche Symptome. Der Unterschied ist jedoch, dass die Sterberate höher ist. Wir sprechen hier allerdings von circa 1 %. Bei einer klassischen Influenza liegt die Sterberate im Promillebereich. Das Corona-Virus ist aggressiver, die Ansteckungsgefahr ist deutlich höher. Ältere Leute und immungeschwächte Patienten haben einen schwereren Verlauf als jüngere Menschen. Bei Kindern ist die Infektionsrate sehr gering und die Krankheit verläuft mit schwach ausgeprägten Symptomen. Es muss noch einiges über das Corona-Virus erforscht werden.“

Wie wird der Virus übertragen? 

„Der Virus verbreitet sich über eine Tröpfcheninfektion. Das heißt, Krankheitserreger, die im Rachen- oder Mundraum sitzen, werden beim Niesen, Husten oder Sprechen durch kleinste Speichel-Tröpfchen an die Luft abgegeben und anschließend von einem anderen Menschen eingeatmet. Deshalb ist der Abstand zwischen Menschen relativ wichtig.“ 

In unseren Nachbarländern Thüringen und Sachsen-Anhalt wurden bereits Maßnahmen ergriffen. Sachsen hat im Laufe des Mittwochs nachgezogen und ebenfalls Veranstaltungen mit über 1.000 Zuschauern untersagt. Ist das sinnvoll? Ich könnte mich doch auch im Alltag, beispielsweise in der vollbesetzten Straßenbahn anstecken.

„Das ist richtig. In Deutschland trifft eine solche Entscheidung die jeweilige Kommune über das entsprechende Gesundheitsamt. Maßnahmen, wie Spielabsagen oder Verbote von Veranstaltungen mit über 1.000 Teilnehmern machen aus medizinischer Sicht durchaus Sinn. Letztendlich soll die Bevölkerung geschützt werden. Der Bevölkerungsschutz steht an erster Stelle. Da die Ausbreitung viel aggressiver ist, macht es Sinn, große Menschenansammlungen zu unterbinden. Man gewinnt mit dieser Maßnahme zudem Zeit für das medizinische Personal. Wenn sich weniger Leute anstecken, kann man für die schwerkranken Patienten mehr intensivmedizinische Betten zur Verfügung stellen. Dann verlassen einige vielleicht schon wieder gesund das Krankenhaus, ehe neuinfizierte Patienten nachfolgen. Es wird derzeit an einem Impfstoff gearbeitet. Dieser steht noch nicht zur Verfügung. Also muss man andere wirkungsvolle Maßnahmen ergreifen, um die Infektionsrate so gering wie möglich zu halten. Wichtig ist, die Ausbreitung einzudämmen.“

Der DFB hat am Mittwoch die kommenden beiden Spieltage der 3. Liga auf frühestens Anfang Mai verlegt. Wie stehst du dazu? Es wird ja erwartet, dass das Virus noch mehrere Monate grasieren könnte.

„Es macht in jedem Fall Sinn, weil man damit Zeit gewinnt. Man weiß nicht, wie so ein Pandemieverlauf hier in Deutschland von Statten gehen könnte. Sowas kann man nicht vorhersagen. In China ist schon ein Großteil der ehemals Infizierten wieder gesund. Der Virus ist bei diesen Personen nicht mehr nachweisbar.“

Ohne Angstmacherei: Was wäre ein denkbares Szenario, wenn ein Zuschauer im Stadion das Virus in sich tragen würde? 

„Das kann man nur theoretisch beantworten. Wenn ein Erkrankter unwissend ins Stadion geht, ist die Wahrscheinlichkeit, dass er andere Stadionbesucher ansteckt sehr groß. Inwieweit sich das auswirkt, inwieweit die Krankheit bei den Angesteckten ausbricht und in welchem Umfang kann man nicht pauschal sagen. Der Krankheitsverlauf ist höchst individuell und hängt vom jeweiligen Gesundheitszustand des Betroffenen ab. Große Menschenansammlungen bedeuten jedoch eine größere Ansteckungsgefahr. Das gilt aber nicht nur für Fußball-Stadien.“

Was habt ihr den Spielern geraten?

„Wir haben mit dem gesamten Funktionsteam und natürlich auch der Mannschaft gesprochen und darauf hingewiesen, dass zur Zeit verstärkt auf Handhygiene zu achten ist. Häufiges Händewaschen hilft sehr. Auf Umarmungen und Händeschütteln sollte zunächst verzichtet werden. Alle wurden sensibilisiert. Sollten wirklich mal Symptome auftreten, sollen sich die Jungs direkt von zu Hause aus melden und nicht erst in der Kabine vorbeischauen.“

Jörg, danke dir für deine Zeit und das interessante Gespräch!

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