Donnerstag, 25. Juni 2020 14:17 Uhr

Gespräch mit Martin Ziegenhagen zur Umfrage der "CFC-Fans gegen Rassismus"

Die Gruppe „CFC-Fans gegen Rassismus“ hat in den vergangenen Wochen eine Umfrage unter allen Fans des Chemnitzer FC auf die Beine gestellt und ausgewertet. Über die daraus entstandenen Ergebnisse haben wir Martin Ziegenhagen, Anti-Rassismus-Beauftragter des Chemnitzer FC, befragt.

Hallo Martin, die „CFC-Fans gegen Rassismus“ haben in den vergangenen Wochen eine Umfrage entwickelt und durchgeführt. Wie ist diese Umfrage entstanden, worauf zielte sie ab und wie wurde die Umfrage angenommen?
Die Initiative zu der Umfrage kam von der Gruppe „CFC-Fans gegen Rassismus“. Sie wollten in Erfahrung bringen, wie die Stimmungslage bzw. die Haltung der CFC-Fans bezüglich der Frage einer gezielten Auseinandersetzung mit Rassismus und Rechtsextremismus im Stadion und natürlich auch eines gezielten Engagements dagegen aussieht. Eine zentrale Frage war: Gibt es eher Zustimmung oder gar Ablehnung? Es ist dabei zu betonen, dass es sich bei der durchgeführten Umfrage nicht um eine wissenschaftliche Studie handelt und sie sicherlich auch nicht für die gesamte Fanszene repräsentativ ist. Stellt man aber in Rechnung, dass das Ganze relativ spontan und mit wenig Vorlauf und noch weniger materieller Ressourcen in Gang gesetzt wurde, so ist das Ergebnis durchaus beachtlich.

Welche Ergebnisse sind daraus entstanden?
Beispielsweise entnehme ich der Umfrage, dass die Fans des Chemnitzer FC durchaus bereit sind, an einem Anti-Rassismus-Konzept mitzuarbeiten. Allein die Beteiligung von knapp 400 Menschen war in der Kürze der Zeit nicht unbedingt zu erwarten.

Welche Erkenntnisse kannst du daraus für deine Arbeit als Anti-Rassismus-Beauftragter beim CFC ziehen?
Es zeigt sich, dass ein Großteil der Fans ein Problem mit Rechtsextremismus im Umfeld des CFC wahrnimmt und auch offen für antirassistische Arbeit im Stadion ist. Dennoch empfinden viele das Stadion als einen Raum, in dem gesellschaftspolitisches Engagement nichts zu suchen hat. Auf der einen Seite wird das Stadion von vielen als „politikfreie“ Zone gesehen, allerdings auch ein Problem mit Rechtsextremismus wahrgenommen. Hier sehe ich Ansatzpunkte für beide Seiten, Fans und Verein. Auch wenn ich es persönlich für unrealistisch halte, den gesellschaftlichen Alltag zu entpolitisieren, respektiere ich diese Sichtweise. Auch wenn man die Meinung vertritt, dass Politik im Stadion nichts zu suchen hat, stellt das Stadion keinen rechtsfreien Raum dar, in dem die Menschenwürde nicht geachtet werden müsste.

Was kannst du noch aus der Umfrage herauslesen?
Ein weiteres auffälliges Ergebnis sind die unterschiedlichen Wahrnehmungen von „Stadiongängern“ und „Nichtstadiongängern“. Die Menschen, die regelmäßig im Stadion sind, nehmen Probleme mit Rechtsextremismus offenbar weniger wahr, als die Menschen, die nicht ins Stadion gehen. Die Stadiongänger sind für antirassistische Arbeit auch deutlich weniger aufgeschlossen, als die „Nichtstadiongänger“. Wenn es so sein sollte, dass es ein Potential von Personen gibt, die sich zwar als Fans des CFC sehen, aber nicht ins Stadion gehen, vielleicht auch, weil sie für die Probleme mit Rechtsextremismus in Teilen der Fanszene sensibilisiert sind, dann muss es unser Ziel sein, diese Menschen dafür zu gewinnen, ins Stadion zu kommen.  Weil wir Zuschauer brauchen, klar. Aber in diesem Fall vor allem, um die anti-rassistischen Bestrebungen innerhalb der Fanszene zu unterstützen. Hier sehe ich einen Ansatzpunkt für die künftige Arbeit. Wenn diese Menschen für den regelmäßigen Stadionbesuch begeistert werden könnten, würde dies ein erhebliches Potential darstellen, mit dessen Hilfe es gelingen kann, ein Bild eines weltoffenen und demokratischen Werten verpflichteten CFC zu zeichnen und vor allem noch außen deutlich sichtbarer zu machen. Damit kann letztlich das aktuelle öffentliche Meinungsbild mittel-bis langfristig in eine positive Richtung verschoben werden.

Die Corona-Krise beeinträchtigt auch deine Arbeit beim Chemnitzer FC. Du möchtest viel reden, in gemeinsamen Gesprächen dein Anti-Rassismus-Konzept weiter fortführen. Wie ist das in der aktuellen Situation möglich?
Corona hat natürlich die Kommunikation etwas mühselig gemacht. Trotzdem ist es mir in den letzten Wochen schon gelungen, eine ganze Reihe von Partnern und Unterstützern zu kontaktieren. Telefonisch, in Videokonferenzen und zuletzt auch wieder im direkten Kontakt. Und es gibt auch schon konkrete Vereinbarungen, wie künftig gemeinsam daran gearbeitet werden kann. Dabei geht es ganz wesentlich darum, konkrete Konzepte und Maßnahmen zur Auseinandersetzung mit menschen- und demokratiefeindlichen Phänomenen zu entwickeln und nachhaltig im Vereinsumfeld und im Verein zu etablieren.

Unsere Mannschaft sendete zum Heimspiel gegen den FC Ingolstadt 04 die klare Botschaft „BLACK LIVES MATTER – NEIN ZU RASSISMUS“. Die dazugehörige LED-Werbebande läuft auch weiterhin gut sichtbar im TV-Bild. Welche Kraft hat der Sport und speziell der Fußball im Kampf gegen Gewalt und Fremdenfeindlichkeit?
Sport und Fußball insbesondere kann eine gewaltige Kraft entwickeln, die Menschen nachhaltig prägen und beeinflussen kann. Das gilt grundsätzlich für jeden. Aber insbesondere Kinder und Jugendliche können im Rahmen eines intensiven Gruppenerlebnisses, das Mannschaftssport ja darstellt, wertvolle und nachhaltige Erfahrungen sammeln. Hier können wichtige soziale Kompetenzen, wie beispielsweise Kommunikations- und Konfliktfähigkeit, ebenso erworben und geübt werden, wie Regeln des fairen Umgangs untereinander und mit dem sportlichen Kontrahenten. Und selbstverständlich erleben sie im Rahmen einer Sportsozialisation auch, dass alle Menschen gleichwertig sind und Ausgrenzung oder gar Rassismus und Rechtsextremismus mit den Werten des organisierten Sports und damit der Gesellschaft insgesamt nicht vereinbar sind! Der CFC ist sich seiner diesbezüglichen Verantwortung bewusst und nimmt sie sowohl im Rahmen seiner Jugendarbeit im Nachwuchsleistungszentrum, aber auch im gesamtgesellschaftlichen Kontext wahr. Die jüngsten Aktionen des CFC, wie beispielsweise die Unterstützung der Black Lives Matter-Bewegung anlässlich des Heimspiels gegen Ingolstadt legen davon beredte Zeichen ab. Und der Verein wird in diesen Bemühungen auch in Zukunft nicht nachlassen!

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