Peer Kluge und Caroline Zaspel im Leipziger P24-Studi. (Foto: Volkmar Heinz)
Donnerstag, 04. Februar 2021 10:07 Uhr

21. Weltkrebstag: "Etwas Lebensfreude zurückgeben"

Am 04. Februar ist Weltkrebstag. Er hat zum Ziel, die Vorbeugung, Erforschung und Behandlung von Krebserkrankungen ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Allein in Deutschland erkranken jährlich etwa 500.000 Menschen neu an Krebs. Oftmals folgt dann die Chemotherapie. Krebspatienten, denen dann die Haare ausfallen, bekommen unter anderem bei einem ehemaligen Bundesligaspieler Hilfe. Peer Kluge, der von 1987 bis 2001 für den FC Karl-Marx-Stadt bzw. den Chemnitzer FC spielte, betreibt seit einigen Jahren mit „P24“ mehrere Perücken-Studios in Sachsen. 

Wir haben anlässlich des 21. Weltkrebstages mit dem 40-Jährigen und seiner Lebensgefährtin Caroline Zaspel über den Ablauf in ihren Studios, die Bedeutung der Arbeit und eine Knochenmarkspende im Jahr 2005 gesprochen.

Laut der Deutschen Krebshilfe leben über vier Millionen Menschen in Deutschland mit der Diagnose Krebs. Die Tendenz ist weiter steigend. Dennoch wird dies nur selten angesprochen. Warum sprechen wir über so ein weitverbreitetes Thema so wenig? 
Kluge: Ich glaube schon, dass mittlerweile immer mehr Leute über Krebs sprechen. Das Bewusstsein für dieses Thema ist größer als noch vor einigen Jahren und die Menschen sind sensibler dafür geworden. Auch Vereine, wie die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS) tun viel dafür, das Tabuthema Schritt für Schritt aufzubrechen.

Der Grund, weshalb wir mit euch darüber reden, ist einfach. Du engagierst dich seit mehreren Jahren für Krebspatienten. 2005 spendetest du als erster Bundesliga-Profi Stammzellen für eine Leukämie-Erkrankte. Nach deiner aktiven Karriere hast du mehrere Perücken-Läden eröffnet, mit denen du Menschen, die nach einer Chemotherapie Haarausfall erleiden, hilfst.
Kluge: Es war eher Zufall, dass wir die P24 Studios eröffnet haben. Durch einen befreundeten Geschäftspartner wurde die Idee vor Jahren immer konkreter und größer. Nach dem Ende meiner aktiven Karriere im Jahr 2016 und dem Umzug zurück in die Heimat Sachsen, konnten wir uns mit dem neuen Bereich ‚Perücken' immer mehr anfreunden. Ich wollte nach dem Fußball unbedingt etwas ganz anderes machen. 2018 gab es erst in Melle, Köln und Berlin erste P24 Studios. Somit haben wir entschieden, in Chemnitz, Leipzig und Dresden drei weitere Studios zu eröffnen.

Während andere zu deiner aktiven Zeit in den 2000er-Jahren blondierte Spitzen trugen, hattest du keinen gesonderten Wert auf gestylte Frisuren gelegt. Du bist im Fußballgeschäft unter anderem auch durch deine markante, wahrscheinlich praktische, Kurzhaarfrisur aufgefallen. War eine andere Frisur nie ein Thema?
Kluge: Ich habe es versucht, aber sie sind einfach nicht gewachsen. (lacht) Nein, Spaß. Eine Langhaarfrisur stand für mich einfach nie zur Debatte.

Ihr redet in euren Studios viel mit den Betroffenen. Was erzählen Sie: Warum ist ein Haarersatz so wichtig für sie?
Zaspel: Zunächst müssen wir klarstellen, dass Peer und ich nicht in den Studios stehen und verkaufen. Peer ist der Mann im Hintergrund und gibt mir Anweisungen. (lacht) Ich kümmere mich vorrangig um die Werbung, Büroarbeit, Krankenkassenabrechnungen und um unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Durch den ständigen Austausch mit unseren Mitarbeitern bekommen wir ab und zu die Geschichten unserer Kunden mit. Für die meist weiblichen Kunden ist der Haarersatz ein Stück Normalität und Wohlbefinden in einer schweren Zeit. Auf einmal eine Glatze zu haben, ist eine harte optische und emotionale Veränderung. Sie fühlen sich wohler und sehen mit Haaren etwas gesünder aus.

Wo genau fängt eure Arbeit an und wann hört sie auf?
Zaspel: Unsere Arbeit beginnt mit der Öffentlichkeitsarbeit. Wir stellen uns bei Ärzten, in Krankenhäusern oder Rehazentren vor und informieren die Kunden telefonisch oder per Mail über den Ablauf bei uns im Geschäft. Anschließend kommt es zur ganz persönlichen Beratung vor Ort. Dort werden Perücken probiert, die Pflege erklärt, Tipps und Kniffe mit dem Haarersatz gelernt. Wenn sich die Kunden mit Ihrer Perücke wohlfühlen, wird diese noch angepasst und individuell zugeschnitten.

Gibt es spezielle Wünsche?
Zaspel: Die Wünsche sind ganz unterschiedlich. Die meisten wollen, dass man keinen Unterschied zum Zeitpunkt vor der Krankheit sieht. Aber es sind auch Damen dabei, die ganz bewusst einfach mal etwas anderes ausprobieren wollen.

Wie läuft es bei euch im Studio ab?
Zaspel: Es ist gut, schon vor der Chemotherapie zu uns zu kommen. Meist ist es so, dass die Kunden sich wohler fühlen, wenn sie auf den bevorstehenden Haarausfall vorbereitet sind. In vielen Fällen kommen die Kunden dann nach der Chemotherapie erneut zu uns. Dann fallen erst die Haare aus. Es gehört auch zu unserem Service, den Kunden die Haare abzunehmen. Wir wollen ihnen damit den unangenehmen Gang zum Friseur abnehmen, bei dem eventuell einige Blicke auf sie gerichtet sind. Bei uns im Studio sind sie in einem geschützten, ruhigen Raum und werden diskret und behutsam behandelt. Das ist oftmals der emotionalste Moment. Da kullert auch schon mal die eine oder andere Träne. 

Das klingt sehr emotional.
Zaspel: Ich hatte anfangs schon Sorge davor gehabt. Aber es stellt sich im Alltag oftmals anders dar. Nachdem wir die Haare abgenommen haben, versuchen wir die Stimmung schnell wieder zu lockern. Die Kunden probieren sich mit den verschiedensten Modellen aus und setzen sich schon mal eine grauhaarige Perücke auf und denken, dass sie die eigene Oma vor sich sehen. (lacht)

Ist eure Arbeit also auch ein Stück weit Seelsorge?
Zaspel: Absolut. Unsere Mitarbeiterinnen sind alle ehemalige Friseurinnen. Sie sind liebevoll, sensibel und einfühlsam. Sie sind es auch, die direkt am Kunden stehen und sich den bewegenden Geschichten widmen. Es wird kurz über die Krankheit gesprochen, dann ist auch wieder gut. Viele wollen Ablenkung, positiv denken und nach vorn schauen. Am Ende sind sie ein Stück weit glücklich, dass sie mit ihrer Perücke nicht ‚ungeschützt‘ auf die Straße gehen. Das Schönste ist, wenn die Kunden direkt mit ihren neuen Haaren das Studio verlassen. Dann hat die Kollegin alles richtig gemacht.

Ihr habt Kunden, die allesamt eine harte Zeit vor oder schon hinter sich haben. Hinter jeder Perücke steckt ein persönliches Schicksal. Wie geht ihr selbst für euch damit um?
Zaspel: Wie gesagt, wir hören die Geschichten zumeist über unsere Mitarbeiter. Jeder verarbeitet die Schicksale der Kunden anders. Ich werde durch die Kassenabrechnung und durch die Einsicht in die Termine ab und zu damit konfrontiert. Ich versuche das dann nicht zu nah an mich heran zu lassen. Das ist aber gerade bei Kindern nur ganz schwer machbar. Wir motivieren uns selbst damit, dass wir sagen, dass wir unseren Kunden etwas Lebensfreude zurückgeben. Auch unsere Mitarbeiter rufen ab und zu an und wollen über die traurigen Geschichten sprechen. Durch das Reden fällt die Verarbeitung leichter. Aber uns ist wichtig zu betonen, dass nicht den ganzen Tag traurige Stimmung in den Studios herrscht. Es wird bei uns auch wahnsinnig viel gelacht. Zum Beispiel, wenn man mal die ‚falsche Perücke‘ gegriffen hat.

Im Krankheitsfall haben die Patienten einen Anspruch auf Haarersatz. Diese werden dann von den Krankenkassen übernommen?
Zaspel: Bei einer Chemotherapie oder ähnlichen Behandlungen hat jeder den Anspruch auf ein Rezept. Je nach Krankenkasse gibt es für den Patienten einen Zuschuss, für den man bei uns schon tolle Modelle finden kann.

Ihr habt eine ganz tolle Aktion in euren Studios. Erkrankte Kinder bekommen die Perücken geschenkt.
Kluge: Kein Kind soll ohne Haare draußen herumlaufen, wenn es das nicht möchte. Dieses Angebot gilt für alle bis zum vollendeten 16. Lebensjahr. Wir benötigen dann nur das Rezept und übernehmen selbst den Rest der anfallenden Kosten für eine Perücke.

Der diesjährige 21. Weltkrebstag findet unter dem Motto „ICH BIN UND ICH WERDE“ statt und ruft jeden Einzelnen zum Nachdenken auf: Wer BIN ICH und was WERDE ICH anlässlich des Weltkrebstages zur Bekämpfung von Krebs tun? Was kann ein Fußballverein, wie der Chemnitzer FC, aus eurer Sicht aktiv tun, um zu helfen?
Kluge: Ganz einfach: Sich bei der DKMS registrieren lassen! Es ist kein Aufwand. Man kann sich sogar online und völlig kostenlos bei der DKMS ein Set zur Registrierung bestellen. Es ist super einfach und geht total schnell – ganz nach dem Motto `Stäbchen rein, Spender sein.` Jeder Spieler, jeder Mitarbeiter, jeder Fan kann sich registrieren lassen. Durch die Reichweite eines Fußballvereins werden natürlich viel mehr Leute angesprochen. Vielleicht fühlt sich auch der eine oder andere animiert, seinem Lieblingsspieler nachzueifern. Auch im Freundeskreis sollte man das Thema immer einmal ansprechen.

Du hast als aktiver Spieler im Jahr 2005 selbst schon einmal Knochenmark gespendet. Die DKMS betreibt viel Aufklärungsarbeit, dennoch haben weiterhin viele Menschen, die helfen könnten, offenbar Vorbehalte. Die Zahlen sind hart. Alle 15 Minuten erhält ein Patient in Deutschland die Diagnose Blutkrebs. Nur ein Drittel aller Blutkrebspatienten findet innerhalb der Familie einen passenden Spender. Jeder zehnte Blutkrebspatient sucht vergeblich einen passenden Spender. Kannst du von deiner Knochenmarkspende berichten, um etwas die Angst vor einer Spende zu nehmen?
Kluge: Angst muss wirklich niemand haben. In erster Linie hilft man einem kranken Menschen und gibt ihm die Möglichkeit wieder gesund zu werden. Im Gegensatz zu deren Leid, ist die Spende eine Kleinigkeit. Ich habe das damals sogar über die Weihnachtsfeiertage gemacht, weil es in der Spielpause stattfinden musste. Ich musste ein paar Tage vorher Tabletten nehmen, um mein Blut auf die Spende vorzubereiten. Ich war nur vier Stunden im Krankenhaus und bin danach wieder nach Hause gefahren. Ich war ein paar Tage energielos, aber das war auch schon alles. Es tut nicht weh, ist keine OP und ist kein Aufwand. Man kann somit ganz leicht zum Lebensretter werden.

Wenn jemand an Krebs erkrankt und er einen Haarersatz sucht. Wie kann er oder sie auf euch zukommen? Der erste Schritt benötigt vielleicht eine Art Überwindung.
Zaspel: Unsere P24 Studios findet man problemlos online unter www.p24-studio.de. Man kann uns via Kontaktanfrage oder telefonisch (P24 Studio Chemnitz 03 71/ 33 71 65 32) erreichen. Am Telefon werden die ersten Fragen gestellt, damit sich die Kollegin etwas auf den Besuch vorbereiten kann. Dann vereinbaren wir einen Termin, reichen das Rezept bei der Krankenkasse ein und suchen eine Perücke aus. Alles ganz in Ruhe, ganz ohne Zwang. Die Kunden sollen sich wohlfühlen und auf andere Gedanken kommen.

Liebe Caroline, lieber Peer, danke für das Interview und weiterhin viel Erfolg für eure tolle Arbeit!

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