Sonntag, 28. Februar 2021 17:45 Uhr

Interview: NLZ-Leiter Jahn über die aktuelle Situation im Nachwuchs

Zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres wird der Sport aufgrund der Corona-Pandemie ausgebremst. Neben der Profiabteilung ist auch das gesamte Nachwuchsleistungszentrum des Chemnitzer FC vom zweiten Lockdown und den damit einhergehenden Spielabsagen und Einschränkungen betroffen. Im Interview spricht der Leiter des NLZ, Marcus Jahn, über die aktuelle Situation im himmelblauen Nachwuchs. 

Hallo Marcus, wie ist die aktuelle Lage im NLZ des Chemnitzer FC? Ist die Situation die gleiche wie bereits im Frühjahr 2020, als alles zum Stillstand kam? 

Jahn: "Leider ist die gegenwärtige Situation mit der im ersten Lockdown im Frühjahr 2020 vergleichbar. Der Trainingsbetrieb im Nachwuchsleistungszentrum kam komplett zum Erliegen. Darüber hinaus gingen alle Trainer und Mitarbeiter in Kurzarbeit. Dennoch sehen wir nun mit Blick auf das aktuelle Infektionsgeschehen und der seit Anfang dieser Woche verbundenen Trainingswiederaufnahme für die U19- und U17-Junioren etwas mehr Licht am Ende des Tunnels."

Die Junioren-Ligen pausieren weiterhin. Die U19 und die U17 spielen in der Junioren-Bundesliga. Gibt es da bereits einen aktuellen Stand wann oder wie die Saison fortgeführt werden kann? 

"Der Deutsche Fußball-Bund hält engen Kontakt zu den Vereinen, um die Corona-Verfügungslage im Zusammenhang mit dem Umgang eines etwaigen Trainingsbetriebs an den jeweiligen Standorten zu erörtern. In intensiven Diskussionen mit den NLZ-Kollegen in ganz Deutschland registrieren wir unterschiedliche Ausgangssituationen. Flächendeckend nehmen wir die Bundesrepublik als Flickenteppich war. In verschiedenen Bundesländern gelten unterschiedliche behördliche Festlegungen. In weiten Teilen des NOFV-Gebietes wurde von der Politik stringent die Schließung der Sportstätten verfügt. In anderen Regionen können die Mannschaften zum Teil seit einigen Wochen, trotz damaliger erhöhter Inzidenzwerte, wieder trainieren. Aktuell gibt es mehrere terminliche Szenarien, die der DFB für eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs ins Auge fasst. Ob es endgültig zu einem Re-Start kommt, kann noch nicht beantwortet werden."

Wie sieht es in den jüngeren Jahrgängen aus? 

"Die Verbände haben den Spielbetrieb auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. In Videokonferenzen werden die Vereine durch die Abgabe eines Meinungsbildes in die weiteren Entscheidungen eingebunden. Man ist auf Verbandsseite richtigerweise vorsichtig mit Schnellschüssen. Die Gesundheit steht über allem. Dennoch sollte es für jeden Sportverein erlaubt sein, unter Vorlage eines entsprechenden Hygienekonzeptes mindestens einen Gruppentrainingsbetrieb für seine Kinder, Jugendlichen und Mitglieder anbieten zu dürfen. Gerade im wichtigen motorischen Lernalter werden die Kinder durch die Pandemie ausgebremst. Der natürliche Bewegungsdrang der Kinder kann unter den aktuellen Bedingungen nicht vollständig ausgelebt werden. Ebenso bleibt das soziale Miteinander auf der Strecke. Wenn wir über die sanfte Rückkehr des Schulbetriebs debattieren, dann ist es ebenso notwendig, die Wiederaufnahme des Kinder- und Amateursports zuzulassen."

Wie hattet ihr die Nachwuchstrainer auf die Situation im November eingeschworen und wie steht ihr bis heute in Kontakt? Auf was wird aktuell geachtet oder trainiert, wenn kein Spielbetrieb stattfindet? 

"Als von der Politik die Schließung der Sportstätten verkündet wurde, haben wir einen internen Maßnahmenkatalog definiert, wie wir in Etappen die freie Trainingszeit für unsere Spieler, Trainer und NLZ-Mitarbeiter sinnvoll überbrücken können. Neben wöchentlichen Videokonferenzen mit den Kollegen, haben unsere Trainer intensiv mit den Athletiktrainern ein virtuelles Athletikprogramm für alle Altersklassen geplant und durchgeführt. In den jüngeren Jahrgangsmannschaften gab es unterschiedliche Wettkampfformen zwischen den Mannschaften im Rahmen eines Laufplans gegen das eigene Trainerteam. Ebenso gab es sehr kreative Challenges mit befreundeten Vereinen im Nachwuchsbereich. In den älteren Jahrgängen fanden darüber hinaus thematische Workshops mit unserer Sportpsychologin Dr. Marie Hengst statt. Weiterhin haben wir in Zusammenarbeit mit unserem Kooperationspartner ChemnitzVital GmbH virtuelle Klassenzimmer zur Ernährungsberatung angeboten. Gespannt sehnen wir der Bund-Länder-Konferenz am 03. März entgegen. Wir hoffen, nach dem Ablauf des Lockdowns am 08.03. auch die anderen NLZ-Mannschaften unterhalb der U17 stufenweise wieder in den Trainingsbetrieb integrieren zu dürfen."

Nach vier Spielen in der U19 bzw. fünf Spielen in der U17 ist es sicherlich schwer eine erste Bilanz für die laufende Saison zu ziehen. Wie schätzt du die aktuelle Entwicklung unserer Junioren-Bundesligateams ein? 

"Sowohl bei der U19 als auch bei der U17 war vom ersten Tag der Saisonvorbereitung bis hin zur Corona-bedingten Saisonunterbrechung eine positive Entwicklung erkennbar. Der neue Trainingsansatz von unserem neuen hauptamtlichen U19-Cheftrainer, Jonas Stephan, hat sich in den ersten Spielen auch direkt positiv in den Ergebnissen niedergeschlagen. Auch bei unserer U17-Mannschaft bin ich, unabhängig von den Wettkampfergebnissen, mit den individuellen Leistungsansätzen zufrieden. Aufgrund der noch fehlenden U16-Mannschaft wussten wir aus der Vergangenheit, dass die Spieler, die zu Saisonbeginn aus der U15-Regionalliga hochgerutscht sind, Zeit zur Anpassung an das höhere athletische Niveau und die technisch-taktische Spielgeschwindigkeit sowie Spielintensität der U17-Bundesliga brauchen, um mit den besten Talenten ihrer Altersklasse in Deutschland mithalten zu können. Demzufolge arbeiten wir auf Planungsebene daran, das Loch in der Ausbildungspyramide zu schließen."

Und mit Blick auf die darunter liegenden Jahrgänge? 

"Die Pandemie hat der zu Saisonbeginn gestarteten strategischen Neuausrichtung einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die gezielten Justierungen in den Trainerbesetzungen als sogenannte Altersexperten, konnten durch die Trainings- und Wettkampfunterbrechungen noch nicht richtig wirken, sodass die Effekte erst mittelfristig sichtbar werden. Umso wichtiger wird es für die Entwicklungen der Kinder sein, dass wir schnellstmöglich in den Trainingsprozess zurückkehren dürfen."

Welche Aufgaben stehen für dich und dein Team aktuell an? Bringt die spielfreie Zeit vielleicht sogar etwas Positives, um sich anderen Themen intensiver widmen zu können? 

"In der Tat hat die fußballfreie Zeit auf administrativer Ebene auch ihre guten Seiten. Es steht die neue Gesamtsportkonzeption des Nachwuchsleistungszentrums inklusive der Verzahnung mit der 1. Mannschaft im Fokus. Wir wollen mit der gegründeten Projektgruppe „Spielphilosophie“ in Anlehnung an den nationalen und internationalen Fußballstandard unseren eigenen Weg in virtuellen Trainerworkshops definieren und zu gegebener Zeit ins NLZ integrieren. Darüber hinaus bereiten wir basierend auf Kaderplanungs- und Feedbackgesprächen mit den Eltern und Spielern die kommende Saison 2021/2022 vor."

Wenn man dich nach einer Wunschlösung fragen würde – wie sollte für dich die aktuelle Saison fortgeführt werden? 

"Einen zusätzlichen Druck durch das Vorschreiben bestimmter Saisonziele aufzubauen, halte ich in der aktuellen Situation persönlich für Fehl am Platz. Solange in den Schulen noch kein annähernd normaler Präsenzunterricht möglich ist, halte ich eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs für moralisch grenzwertig. Die Schließung der Schulen hat ebenfalls auf Bildungsebene Auswirkungen mit sich gebracht. Der etwaig entstandene Rückstand sollte bestmöglich bis zum Sommer aufgefangen werden. An den Standorten, wo es mit Blick auf das Infektionsgeschehen möglich ist, Freundschaftsspiele zu bestreiten, sollte das auch auf freiwilliger Basis umgesetzt werden. Somit plädieren wir als Chemnitzer FC für den Abbruch und der Annullierung der Saison in allen Nachwuchs-Spielklassen, um die neue Spielzeit zielgerichtet planen und den Vereinen eine Perspektive in Richtung Sommer mit Beginn der neuen Saison geben zu können."

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