Freitag, 07. Mai 2021 11:40 Uhr

„Fordere sehr viel Qualität - auch von mir selbst!“

Seit knapp zwei Jahren betreut Marcel Höttecke als Torwarttrainer die Torhüter des Chemnitzer FC. Dennoch weiß man recht wenig über den 34-Jährigen. Wir sprachen mit dem ehemaligen Bundesliga-Torhüter über seine zahlreichen Lizenzen, seine Arbeitsweise auf dem Platz und das Chemnitzer Torwarttrio.

Hallo Marcel, als aktiver Spieler standest du unter anderem für Union Berlin oder Borussia Dortmund zwischen den Pfosten. Wie blickst du auf deine eigene aktive Karriere heute zurück?

Ich bin auf jeden Moment, den ich in meiner aktiven Karriere erlebt habe, sehr stolz und dafür dankbar. Die schönen Erinnerungen, wie zum Beispiel das DFB-Pokalfinale mit Borussia Dortmund gegen den FC Bayern München und der Derbysieg mit den 1.FC Union Berlin gegen Hertha BSC werden immer im Gedächtnis bleiben. Das vergisst man nicht.

Heute gibst du dein Wissen an die Torhüter des Chemnitzer FC weiter. Wie viel Spaß macht dir die Arbeit als Trainer insgesamt?

Ich habe mich bereits während meiner aktiven Laufbahn auf diesen Schritt ins Trainerdasein vorbereitet. Ich freue mich jeden Tag auf die Einheiten mit unseren Torhütern. Ich möchte, dass sich die Torhüter weiterentwickeln und den bestmöglichen Weg privat und sportlich einschlagen.

Wer deine Trainingseinheiten beobachtet, merkt schnell, dass du immer wieder andere Übungsformen einbaust. Woher nimmst du die ganzen Ideen?

Aufgrund meiner eigenen Erfahrung kann ich mich gut in die Torhüter hineinversetzen und weiß genau, was sie für ein Training in ihrer Entwicklung benötigen. Ich fordere sehr viel Qualität von unseren Torhütern. Den gleichen Anspruch stelle ich dementsprechend dann auch an mich selbst in meiner täglich kreativen Arbeit als Torwarttrainer.

Wie wichtig ist Abwechslung für den zu setzenden Trainingsreiz und letztendlich für den Trainingserfolg?

Ich arbeite täglich im technisch-taktischen Bereich innerhalb der Schwerpunkte der Torverteidigung, Eins-gegen-Eins-Situationen, Raumverteidigung und im Spielaufbau. Ein Torwart muss die Techniken beherrschen, um sie im Spiel jederzeit in der jeweiligen Situation anwenden zu können. Im Training erzeuge ich zur Aktion immer auch eine Anschlussaktion, um den Torhüter in eine gewisse Stresssituation der Entscheidungsfindung zu bringen. Täglich wird der Fokus auf einen anderen Schwerpunkt gelegt und in komplexen Übungsformen trainiert.

Dein Arbeits- bzw. Trainingsansatz kann man getrost als ganzheitlich bezeichnen. Du bist Fitnesstrainer mit A-Lizenz, geschulter Mentaltrainer und Ernährungsberater. Wie lässt du dein Wissen in die Torwarttrainingsarbeit einfließen?

Vorab möchte ich sagen, dass es für mich in meiner Arbeit extrem wichtig ist, das große Ganze zu sehen. Genau aus diesem Grund habe ich mich dazu entschlossen, mich in meinem Wissen breit aufzustellen, um Faktoren aus vielen Bereichen rund um das Torwartspiel in meine Arbeit einfließen zu lassen. Habe ich als Torhüter keine Athletik, komme ich über meine Mentalität auch nicht weiter. Du brauchst Athletik, Mentalität und die richtige Ernährung, um als Torhüter neben dem Talent das Maximum aus dir herauszuholen.

Du selbst bildest dich immer wieder fort, besuchst Lehrgänge und Seminare. Dabei braucht man bisher, um als Torwarttrainer in Deutschland zu arbeiten keine Lizenz. Warum machst du es trotzdem?

Das ist mein eigener Antrieb. Ich habe die Motivation und Leidenschaft, mich in meiner Qualität so aufzustellen, dass die Torhüter am Ende des Tages davon profitieren. Falls die Lizenz zur Verpflichtung für Torwarttrainer in den Profiligen wird, möchte ich vorbereitet sein.

Deshalb absolvierst du aktuell nebenbei noch deine UEFA Torwarttrainer A-Lizenz. Du wärst dann einer von nur 80 Torwarttrainern in ganz Deutschland mit dieser Lizenz. Diesen Lehrgang kann man nur nach Einladung vom DFB machen. Wie kam es dazu?

Ich habe im letzten Jahr den Anruf vom DFB bekommen und wurde gefragt, ob ich an dem Lehrgang teilnehmen möchte. Ich habe mit großer Freude zugestimmt und freue mich den Fußball-Lehrer unter den Torwarttrainern im kommenden Herbst abschließen zu können.

Wie läuft der Lehrgang in der aktuellen Corona-Situation ab?

Die aktuelle Lage verlangt von uns allen neue Wege zu finden, die auch in der einjährigen Torwarttrainer A-Lizenz vom DFB gefunden wurden. Beispielsweise finden die Seminare online statt, Übungseinheiten werden durch die Lehrgangsteilnehmer auf eine geschlossene Plattform hochgeladen. 

Mit Jakub Jakubov steht beim Chemnitzer FC die unangefochtene Nummer 1 zwischen den Pfosten. Du warst selbst aktiver Bundesliga-Torhüter. Wie geht die Nummer 2 damit um, wenn sie weiß, dass trotz guter Leistungen im Training am Wochenende nur der Platz auf der Bank bleibt?

Jeder Torhüter bekommt von mir die gleiche Wertschätzung, egal welche Position er aktuell in der Hierarchie hat. Als Torhüter, der aktuell nicht spielt, musst du den eigenen Anspruch haben, in jeder Einheit auf und neben dem Platz das Beste zu geben, um für Tag X bereit zu sein.

Insgesamt ist der CFC auf der Torhüter-Position nicht nur breit, sondern auch stark aufgestellt. Wie bewertest du dein Torwart-Trio Jakubov/Dogan/Wunsch?

Wir haben mit Jakub Jakubov den besten Torhüter der Liga in unseren Reihen, der die Qualität für höhere Ligen hat. Mit Isa Dogan haben wir einen jungen talentierten Torhüter, der mit seinen 21 Jahren sehr viel mitbringt und wahrscheinlich bei jedem anderen Verein in unserer Liga spielen würde. David Wunsch ist ein junger Torhüter und ich freue mich, ihn seit seinem 16. Lebensjahr in seiner Entwicklung begleiten zu können und ihn in der kommenden Saison in der U19 Bundesliga spielen zu sehen. Zudem haben wir seit kurzer Zeit mit Stanley Birke aus unserer U17 einen weiteren Torhüter bei uns gelegentlich im Training. In unserer Torwartkonstellation sind wir sehr gut aufgestellt. Die Torhüter geben sich gegenseitig den nötigen Druck, um sich zu entwickeln. Und bekanntlich, entstehen unter Druck ja Diamanten.

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