Die Räder rattern über den Hallenboden, der Ball tippt auf, Stimmen schallen durch die Sporthalle. Es ist kein gewöhnlicher Trainingstag für die U14 des Chemnitzer FC. Gemeinsam mit Spielern des Kooperationspartners FK Baník Most-Souš waren die Himmelblauen bei den Rollstuhlbasketballern der Niners Chemnitz zu Gast – für eine Einheit, die sportlich forderte, den Blick weitete und vor allem eines zeigte: Sport verbindet.
Entstanden ist der gemeinsame Tag im Rahmen des SAB-Projekts „Fußball verein(t)“, das der Chemnitzer FC gemeinsam mit dem FK Baník Most-Souš lebt. Im Mittelpunkt stehen dabei grenzüberschreitende Begegnungen, Austausch, gemeinsames Lernen und Inklusion. Dieses Mal ging es nicht um Fußballschuhe, Zweikämpfe auf dem Rasen oder taktische Abläufe auf dem Feld, sondern um eine völlig neue Perspektive: Basketball im Rollstuhl.
Ankommen, ausprobieren, verstehen
Zu Beginn stand das gemeinsame Ankommen im Mittelpunkt. Drei Spieler des CFC, U14-Coach Lukas Ruzicka, fünf Spieler sowie ein Trainer aus Most und vier Rollstuhlbasketballer der Niners kamen vor Niners-RBB-Cheftrainer Marian Molnar zusammen, der die Einheit leitete. Die Sportler begrüßten sich und machten sich mit der für die meisten ungewohnten Situation vertraut. Schon die ersten Minuten zeigten: Der Sportrollstuhl ist nicht nur Hilfsmittel, sondern ein eigenes Sportgerät, das Kontrolle, Kraft, Koordination und Gefühl verlangt.
Nach den ersten Bewegungen ging es Schritt für Schritt weiter. Geradeausfahren, bremsen, wenden – was von außen leicht aussieht, erforderte höchste Konzentration. Anschließend folgte der Slalom. Die Nachwuchsspieler mussten lernen, Tempo aufzunehmen, die Richtung zu wechseln und gleichzeitig den Überblick zu behalten. Schnell wurde klar, wie anspruchsvoll es ist, sich auf dem Feld zu bewegen, ohne die gewohnten Abläufe aus dem Fußball nutzen zu können.
Hier in unserer Instagram-Story findet ihr visuelle Einblicke in die Trainingseinheit!
„Wir schaffen Räume für Begegnungen auf Augenhöhe“
„Dieses Ereignis steht sinnbildlich für unsere Kooperation mit Baník Most-Souš“, so Frank Löbe, Vorstandsmitglied des Chemnitzer FC. „Im Rahmen von ‚Fußball verein(t)‘ schaffen wir Räume für Begegnungen auf Augenhöhe. Wir sehen nicht das Handicap, sondern den Menschen und den Sportler. Es geht darum, dass Kinder und Jugendliche aus Chemnitz und Most ganz natürlich zusammenwachsen. Indem wir junge Talente für neue Perspektiven sensibilisieren, stärken wir den sozialen Zusammenhalt und zeigen, dass Inklusion dann am besten gelingt, wenn wir sie einfach gemeinsam leben.“
Der Ball kommt ins Spiel
Nachdem die ersten Bewegungen im Rollstuhl funktionierten, kam der Basketball dazu. Zunächst ging es darum, den Ball im Sitzen von einer Hand in die andere zu bewegen und ein Gefühl für die neue Körperhaltung zu bekommen. Danach wurden Pässe gespielt, erst vorsichtig, dann immer flüssiger. Der Ball, der Rollstuhl, die Mitspieler – alles musste gleichzeitig wahrgenommen werden.
Später ging es an die Körbe. Die Wurfbewegung aus dem Sitzen war für die Jungs eine besondere Herausforderung. Ohne den gewohnten Abdruck aus den Beinen musste die Kraft aus Armen, Schultern und Oberkörper kommen. Immer wieder gab es Tipps vom Coach, kleine Korrekturen und aufmunternde Hinweise. Im Mittelpunkt stand dabei nicht die perfekte Technik, sondern das gemeinsame Erleben: miteinander spielen, sich verständigen, aufeinander achten und als Gruppe Lösungen finden – über körperliche und sprachliche Grenzen hinweg.
„Es ist wichtig, dass die Jungs etwas Neues lernen“
Auch U14-Trainer Lukas Ruzicka sah in der Einheit einen großen Mehrwert für seine Spieler: „Ich versuche immer, auch andere Sportarten mit reinzubringen. Das kann für die Jungs gut sein. Die Prinzipien sind hier im Basketball dieselben wie im Fußball: Du hast Pässe, individuelle Technik und musst den Ball kontrollieren. Es ist wichtig, dass die Jungs etwas Neues lernen und verstehen, dass Basketball und Fußball vielleicht nicht gleich, aber ähnlich sind.“
Besonders die Koordination beeindruckte ihn: „Es ist schwierig. Die Koordination ist nicht so einfach. Du musst mit dem Ball etwas machen und gleichzeitig den Rollstuhl bewegen. Das ist sehr anspruchsvoll.“
Die Rollstuhlbasketballer der Niners: sportlich auf dem Weg nach oben
Die Rollstuhlbasketballer der Niners haben sportlich zwei sehr erfolgreiche Jahre hinter sich. Nach dem Gewinn der Landesliga folgte in der vergangenen Saison der Oberliga-Meistertitel. Damit steht die erste Mannschaft nun vor dem nächsten Schritt: der Regionalliga – drittklassig im deutschen Rollstuhlbasketball unter der 1. Und 2. Bundesliga. Dort will sich das Team zunächst etablieren, langfristig aber weiter nach oben schauen. Trainer Molnar hat bereits klare sportliche Ziele formuliert.
Der Kader umfasst 19 Spielerinnen und Spieler. Neben der ersten Mannschaft gibt es auch eine zweite Mannschaft. Beide Teams trainieren gemeinsam, um Abläufe, Spielverständnis und Zusammenhalt zu stärken. Gespielt wird als Mixed-Team, mit klassischen Rollstuhlfahrern ebenso wie mit sogenannten Fußgängern, also Spielerinnen und Spielern ohne Behinderung, die im Sportrollstuhl antreten. Möglich macht das ein Punktesystem, das die körperlichen Voraussetzungen berücksichtigt und für Chancengleichheit auf dem Feld sorgt.
Mike Reichardt: Organisator, Antreiber und Gesicht der Abteilung
Eine zentrale Rolle rund um die Mannschaft spielt Mike Reichardt. Er ist Teammanager der Rollstuhlbasketballer der Niners und seit vielen Jahren fest mit dieser Sportart verbunden. Bereits 1998 begann er in Zwickau mit dem Sport, wurde dort 2002 Deutscher Meister und war später auch als Spielertrainer aktiv. Seit 2010 ist der Rollstuhlbasketball in Chemnitz verankert – und Reichardt als Gründer der Abteilung mittendrin.
Heute kümmert er sich vor allem um die Organisation im Hintergrund: Hallenzeiten, Spieltage, Kader, Sponsoren, Transport, Rollstühle und alles, was eine Mannschaft neben dem Sport braucht. Denn Rollstuhlbasketball lebt nicht nur von Leidenschaft, sondern auch von Struktur. Sportrollstühle kosten mehrere tausend Euro, müssen gewartet und transportiert werden. Auch dafür braucht es Unterstützer, Partner und Menschen, die sich kümmern.
„Für uns ist genau das wichtig: zusammenkommen, ausprobieren und Berührungsängste abbauen“
Reichardt freute sich über den Besuch des CFC und des FK Baník Most-Souš: „Für uns ist genau das wichtig: zusammenkommen, ausprobieren und Berührungsängste abbauen. Die Jungs merken sehr schnell, dass Rollstuhlbasketball ein richtiger Sport ist – mit Tempo, Technik, Kraft und Teamarbeit. Solche gemeinsamen Aktionen zeigen, was Sport leisten kann und verbinden uns als Gesellschaft.“
Gemeinsames Spiel als Abschluss
Zum Abschluss des Tages wurde gespielt. Im offenen Spiel konnten die Nachwuchsspieler das Gelernte direkt anwenden. Es wurde gepasst, gefahren, geblockt, gelacht und natürlich auch auf den Korb geworfen. Einige Würfe fanden sogar den Weg durch den Ring. Die Rollstuhlbasketballer der Niners nahmen sich dabei bewusst zurück. Sie warfen nicht selbst auf den Korb, sondern bereiteten vor, gaben Hilfestellung und ermöglichten den Kindern Erfolgserlebnisse.
So endete ein besonderer Trainingstag nicht mit einem Ergebnis, sondern mit vielen Eindrücken. Der CFC, der FK Baník Most-Souš und die Rollstuhlbasketballer der Niners zeigten gemeinsam, wie wertvoll Begegnung im Sport ist. Es ging um Bewegung, Teamgeist und neue Erfahrungen – aber vor allem um Verbindung. Über Vereinsgrenzen hinweg, über Ländergrenzen hinweg und über körperliche Voraussetzungen hinweg.
Für den Sport in unserer Stadt. Für die Region. Für Chemnitz.