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02.08.2022 - 12.47 Uhr | 1. Mannschaft

Christian Tiffert: Die Zeit ist reif

Gegen den 1. FC Union Berlin startete Christian Tiffert in seine erste Saison als Cheftrainer. Drei Jahre lang lernte er von verschiedensten Trainern. Nun ist die Zeit reif – meint zumindest Patrick Glöckner.

Fragt man Christian Tiffert nach seinen Vorbildern, kommt da erstmal nichts. Christian Tiffert braucht keine Vorbilder. Er braucht keine Inspiration im Leben. Er ist gern bei sich selbst. "Meine Mutter sagte immer, dass ich mich selbst erzogen habe", meint Tiffert im ClubMagazin-Gespräch. Mit nicht einmal 16 Jahren zog er allein von Halle nach Berlin, um für Tennis Borussia zu spielen. Irgendwann war er nur noch aller zwei Wochen zuhause, bald nur noch einmal im Monat: "Meine Mutter hat mir das sehr früh zugetraut, die Karriere in Berlin. Ich habe meine Probleme immer eher mit mir selbst ausgemacht." Kurz darauf spielt Tiffert als 18-Jähriger in der 2. Bundesliga, es folgt der Sprung zum VfB Stuttgart, in die U21-Nationalmannschaft, die Entwicklung zum Champions-League-Spieler. 20 Jahre später ist Christian Tiffert noch immer ein fester Bestandteil der Fußball-Welt, obwohl er das gar nicht unbedingt wollte. "Ich wollte auch nie Fußballprofi geworden und bin es trotzdem geworden", sagt er. Umgekehrte Psychologie also.

Mit dem DFB-Pokal-Spiel gegen den 1. FC Union Berlin startete Tiffert in seine erste Saison als Cheftrainer des Chemnitzer FC. Zuvor hatte er drei Jahre Zeit von verschiedensten Trainern zu lernen. Noch zu Spielerzeiten holte er sich die Trainer-B-Lizenz, "um zu schauen, ob das was für mich ist". Kurz darauf bewarb er sich beim Chemnitzer FC als Trainer-Praktikant und nur vier Wochen nach seinem Karriereende war er schon wieder mittendrin. Plötzlich klingelte das Handy, am anderen Ende der Telefonleitung war Ex-CFC-Coach David Bergner und gab Tiffert sein Ja zum Praktikum. Bergner saß zu diesem Zeitpunkt im Bus nach Köln, Tiffert lag mit seiner Familie im Freibad Erdmannsdorf. Auch wenn er seitdem nie wieder in diesem Freibad war, "weil das Wasser zu kalt war", wird jener Ort immer mit ihm Verbindung stehen: als Startpunkt seiner Trainerkarriere.

Als Praktikant lernte Tiffert den Fußball noch einmal aus einer anderen Perspektive kennen und durfte einfach nur beobachten. Hin und wieder wurde er nach seiner Meinung gefragt, ohne Entscheidungen treffen zu müssen. Bis seine Meinung für das Trainerteam unverzichtbar wurde.

Glöckner über Tiffert: "Am Anfang beobachtet er viel"

Nach Bergners Abschied zwei Monate später wurde Tiffert erst von Interimscoach Sreto Ristic und später von Cheftrainer Patrick Glöckner fest ins Trainerteam aufgenommen. Im ClubMagazin-Gespräch sagt Glöckner heute: "Für mich war damals klar, dass ich einen Co-Trainer brauche, der aus der Region kommt und den Verein kennt. Nach dem ersten Gespräch hatte ich so ein gutes Gefühl, dass ich Christian unbedingt haben wollte."

Mit Tiffert an seiner Seite stieg Glöckner Ende September 2019 beim Chemnitzer FC ein, als dieser auf dem vorletzten Tabellenplatz der 3. Liga stand. Zusammen hievten sie den CFC auf Tabellenplatz 13. Dann kamen die COVID19-Zwangspause, Verletzungspech, Spiele im Drei-Tage-Rhythmus und der Abstieg in Liga vier. "Am Ende hat ein Tor gefehlt, aber wenn man die Punkteausbeute von 'Tiffi' und mir sieht, wären wir am Ende 10. geworden", meint Glöckner.

Ihm zufolge war Tiffert damals schon ein ruhiger und sachlicher Charakter. Zu Beginn etwas distanziert, um zu prüfen, ob das Arbeitsklima generell sauber und sein Gegenüber von Grund auf ehrlich ist. Später dann deutlich offener. "Am Anfang beobachtet er viel und ist erstmal skeptisch gegenüber allem, aber wenn er sieht, dass es vom Menschlichen und Handwerklichen passt, ist er schnell mit im Boot", sagt Glöckner, dem Tiffert mit der Zeit ein guter Freund wurde. Ein guter Freund, der mit seiner Meinung aber nicht hinter dem Berg hielt. Glöckner gefiel, dass Tiffert eine "ganz klare Meinung" hatte und ihm nicht nach der Nase redete. Eine Qualität, die er sehr an ihm schätzte.

Auch heute drückt Glöckner Tiffert und dem Chemnitzer FC noch die Daumen. "Ich schaue mir immer die Ergebnisse an und habe mich unheimlich gefreut, dass er die Cheftrainer-Position bekommen hat. Ich glaube, dass die Zeit reif war."

Tiffert: Zehn Siege in 15 Spielen

Glöckner wechselte nach Mannheim und hätte seinen Kumpel am liebsten mitgenommen. Tiffert entschied sich aber für einen Verbleib in Chemnitz und eine Zusammenarbeit mit Daniel Berlinski. Unter ihm setzte Christian Tiffert seinen Reifeprozess Richtung Cheftrainer fort. Er wurde selbstständiger und durfte das Training immer mehr mitgestalten. So konkret wie Glöckner will er aber nicht werden: "Ob ich Cheftrainer sein kann, wird sich zeigen. Nach drei Monaten ist das noch schwer zu beurteilen." Eine erste Duftmarke setzte Tiffert ohne Zweifel: In 15 Pflichtspielen als Übungsleiter verlor sein Team nur zwei Spiele, ging zehnmal als Sieger vom Platz und tütete obendrein noch den Sachsenpokal-Sieg ein. Sein Geheimrezept: Kurze, klare und bestimmte Ansagen. Tiffert: "Wichtig ist, dass man als Trainer glaubwürdig ist. Der Spieler ist extrem clever und schaut genau hin. Er merkt sich viele Sachen. Was hat der Trainer wo und wann gesagt. Wie geht er mit Niederlagen um. Oder lobt der Trainer die Mannschaft in den Himmel."

Egal wie erfolgreich sein Team spielt: Tiffert lernte früh, den Hype nicht zu beachten. Der CFC-Trainer schaut nicht in die Zeitung, wenn es schlecht läuft, noch interessiert er sich für mediale Lobeshymnen, wenn es gut läuft. "Felix Magath hat mir beigebracht, auf den Trainer zu hören", sagt er: "Es gab viele Spiele, wo mich die Medien in den Himmel gehoben haben und mein Trainer mir das genaue Gegenteil sagte." Diese Normalität zu behalten ist Tiffert wichtig. Dabei hilft ihm auch seine Frau: "Wenn ich Nachhause komme, geht es um Schularbeiten und Essen für die Kinder." Nachmittags Sachsenpokalsieger, abends Familienvater: Tifferts Weg, um sich im Fußball-Business zurechtzufinden.

Nach dem DFB-Pokal-Highlight wird es für Tiffert in der Regionalliga ernst. Mit Tennis Borussia, Aufsteiger Greifswald und dem BFC Dynamo hat der Chemnitzer FC ein anspruchsvolles Auftaktprogramm vor sich. Ziel für den Chemnitzer FC ist es, näher an der Tabellenspitze zu sein als in der vergangenen Saison.

Und was traut Patrick Glöckner seinem früheren Begleiter zu? "Alles was du erreichen kannst, kannst du auch erreichen. Christian ist in der Lage alles erreichen zu können. Es kann alles passieren. Dinge, an die man nicht glaubt, passieren trotzdem. Er muss erstmal ankommen in der Liga. Und dann muss sein Weg sein, sich beim Fußballehrer anzumelden. Träume sind auch immer verbunden mit einer Lizenz."

Für eine Cheftrainer-Tätigkeit in Liga drei ist die Fußballehrer-Lizenz verpflichtend. Tiffert besitzt "nur" die A-Lizenz. Er selbst sieht diese Thematik sehr entspannt: "Ich nehme es wie es kommt. Ich renne dem Fußballlehrer nicht hinterher, ich mach ihn dann, wenn ich ihn brauche."

Dieser Artikel erschien als Titelstory im ClubMagazin am 1. August 2022.