ClubMagazin-Interview: „Mentalität und Qualität setzen sich am Ende des Tages durch.“
Seit Ende August musste Mannschaftskapitän Tobias Müller mit einem Innenbandanriss im Knie pausieren. Im Wernesgrüner Sachsenpokal gab der Mittelfeldspieler das langersehnte Comeback. Gegen den VfB Auerbach könnte der 28-Jährige erstmals seit seiner Verletzungspause auch wieder in der Regionalliga Nordost zum Einsatz kommen. Im ClubMagazin-Interview spricht Müller über seine Reha-Zeit, die Aufgaben als Führungsspieler und zeigte sich kritisch mit dem bisherigen Saisonverlauf.
Hallo Tobias, schön, dass du wieder da bist. Es hat ja doch etwas länger gedauert, oder?
Ja, tatsächlich. Die Verletzung war schwerer als zunächst erwartet. Die Ausfallzeit war deshalb nicht ungewöhnlich. Ich bin froh, nach der langen Pause wieder auf dem Platz stehen zu können.
Du konntest am vergangenen Samstag nach elf Wochen Verletzungspause im Sachsenpokal beim SV Liebertwolkwitz dein Comeback geben? Wie geht es dir?
Ich fühle mich sehr gut, danke. Ich konnte in der Reha gut arbeiten und freue mich, die Partien nicht mehr nur von der Tribüne aus zu beobachten.
Wenn man so lange ausfällt, benötigt es einige Zeit, bis man wieder bei 100 % ist. Wie weit bist du?
Es wird noch einige Zeit brauchen, bis ich wirklich bei 100 % bin. Ich spüre, wie es sich von Einheit zu Einheit entwickelt und fühle, dass sich das Knie langsam an die Belastung gewöhnt.
Die Reha-Zeit ist oftmals deutlich zeitintensiver als der geregelte Trainingsbetrieb. Wie hast du die Zeit erlebt?
Das stimmt, die Zeit ist meistens gut durchstrukturiert. Die Behandlungen, Arztbesuche und Rehatrainingseinheiten fordern einen hohen zeitlichen Aufwand. Ich habe zusätzlich versucht, immer wieder nah bei der Mannschaft zu sein und mich viel am Trainingsgelände im Sportforum aufzuhalten, um den Kontakt zu den Jungs aufrechtzuhalten.
Neben der Fußball-Karriere treibst du mit einem Studium deine Karriere nach der Karriere voran. Aktuell ist Prüfungszeit, oder? Wie läufts?
Ich mache ein Fernstudium im Bereich Betriebswirtschaftslehre mit einer speziellen Sport-Vertiefung. In der vergangenen Woche hatte ich erst wieder eine Prüfung. Es läuft ganz gut. Ich befleißige mich, regelmäßig etwas zu machen und zu lernen.
Weißt du schon, was du mit deinem Studienabschluss nach der aktiven Karriere anfangen möchtest?
Ich denke, es ist sinnvoll, sich neben dem aktiven Fußball spielen weiterzubilden und neue Sachen kennenzulernen. Gerade durch Verletzungen merkt man, dass es mit dem Leistungssport theoretisch schnell vorbei sein kann. Ich will mich insgesamt neben der fußballerischen Laufbahn breiter aufstellen. Einen konkreten Plan für die Karriere nach der fußballerischen Laufbahn habe ich noch nicht.
Du bist ein Spieler mit klarer Kante – in deinem Spielstil und mit dem Mundwerk. Hand aufs Herz, wie beurteilst du als Kapitän die bisherige Leistung deiner Mannschaft?
Wir können alles andere als zufrieden mit dem bisherigen Saisonverlauf sein. Wir haben uns diese Saison anders vorgestellt. Aktuell sind wir in einer Tabellenregion, wo der Chemnitzer FC nicht hingehört. Wir müssen uns straffen und zusehen, dass wir in den nächsten Spielen bis Weihnachten und in der Rückrunde wieder ansprechendere Leistungen auf dem Platz abrufen, um mehr Punkte einzufahren und in der Tabelle möglichst hoch zu klettern.
Sind nach 17 absolvierten Partien 25 geschossene Tore zu wenig, oder 19 kassierte Gegentreffer zu viel?
Es ist wohl der Mix aus beidem! Wir müssen uns als Mannschaft klar ankreiden lassen, dass wir zu wenig Tore schießen. 19 Gegentore sind aber auch definitiv ausbaufähig. Vor allem, wenn man sieht, dass wir einen der besten Torhüter der Liga und eine gut aufgestellte Defensive haben.
Du bist ein gestandener Spieler, hast Zweitliga-Erfahrung. Diese teilst du gerne mit den jüngeren Talenten. Du möchtest die Youngster an die Hand nehmen. Bist du in dieser Rolle aktuell mehr denn je in deiner Karriere gefordert?
Wir haben aktuell viele junge Spieler im Kader, die relativ viele Einsatzzeiten bekommen. Für sie ist im ersten Jahr im Herrenbereich naturgemäß Vieles noch neu. Für mich und die anderen Führungsspieler ist es auch die Aufgabe, die Jungs an die Hand zu nehmen und an den Regionalliga-Fußball zu gewöhnen. Wir versuchen, ihnen in den Trainingseinheiten und Spielen mitzugeben, was es benötigt, um in dieser Liga bestehen zu können. Ich teile meine Erfahrungen und Fehler, die ich selbst bisher gemacht habe, mit ihnen gerne. Im besten Fall können sie aus meinen Erfahrungswerten etwas mitnehmen und für sich positiv ummünzen.
Wer hat dich damals an die Hand genommen? Oder lief das anders?
Ich habe als junger Spund immer versucht von den anderen, erfahreneren Spielern zu lernen. Während meiner Zeit bei Dynamo Dresden habe ich versucht, mir viele Sachen von Cristian Fiel abzuschauen. Er war sehr professionell und hat als unser Kapitän gewisse Sachen vorgelebt. Auch er hat mir Tipps gegeben, wie ich mich verhalten soll. Er hat mir aber auch gezeigt, was es heißt, junger Spieler zu sein und welche Hierarchien es gibt. Da hat man als Jungspund auf und neben dem Platz ab und zu Lehrgeld bezahlt. Ich konnte mir diese Sachen glücklicherweise immer gut annehmen.
In den vergangenen Jahren hat sich in den Nachwuchsleistungszentren in Deutschland extrem viel entwickelt. Auch du hast damals ein NLZ durchlaufen. Ist das mit der Zeit und den Bedingungen von damals überhaupt noch vergleichbar?
Schon zu meiner Zeit hatten wir gute Bedingungen. Sicherlich sind diese in den vergangenen Jahren nochmal gestiegen. Aber Fußball ist immer noch Fußball. Im Sport kommt es darauf an, dass du gut bist. Mentalität und Qualität setzt sich am Ende des Tages durch – egal, wo du als junger Spieler spielst. Die Rahmenbedingungen sind manchmal gar nicht so vorrangig zu bewerten, sondern wie sich die Jungs reinhängen und den Erfolg selbst wollen.
Du hattest mit Dynamo Dresden, dem Halleschen FC, Viktoria Köln und dem CFC vier Profi-Stationen in deiner Karriere. Wer war eigentlich der beste Spieler, mit dem du je zusammengespielt hast?
Cristian Fiel war für mich immer ein Spieler, den ich bewundert habe. Für sein Können, aber auch für seine Persönlichkeit. Er hat für mich immer etwas faszinierendes ausgestrahlt. Aber auch Mike Wunderlich, mit dem ich bei Viktoria Köln zusammengespielt habe. Er ist ein absoluter Top-Spieler. Es gab einige gute, aber die Zwei fallen mir spontan ein.
Und mit wem würdest du gerne mal zusammenspielen?
Ich würde gerne eines Tages in einer Alt-Herren-Mannschaft mit Niklas Hoheneder und Matti Langer spielen. Auf das magische Dreieck zwischen Innenverteidigung und Mittelfeld freue ich mich schon jetzt.
Tobi, schön, dass du wieder mit dabei bist. Viel Erfolg für die kommenden Partien und bleib gesund!
Das Interview ist erstmals im Stadionheft "ClubMagazin" zum Heimspiel gegen den VfB Auerbach am 20. November 2021 erschienen.



