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06.05.2026 - 15.00 Uhr | 1. Mannschaft

"Da hat die Gellertstraße gebebt" – Kapitän Tobias Müller im Abschiedsinterview

Acht Jahre, über 200 Pflichtspiele, Kapitän und Identifikationsfigur: Tobias Müller hat den Chemnitzer FC in den vergangenen Jahren auf und neben dem Platz geprägt wie kaum ein anderer. Mit seiner bodenständigen Art, seiner Verlässlichkeit und seinem klaren Bekenntnis zum Verein wurde der Mittelfeldspieler mit der Rückennummer 38 zu einem prägenden Gesicht der Himmelblauen.

Am Samstag steht beim Bezirksderby gegen den FSV Zwickau für „Tobi“ und acht seiner Teamkollegen der emotionale Abschied im eins-Stadion – An der Gellertstraße an. Im Interview spricht der 32-Jährige über seine Zeit in Chemnitz, die Realität des Profifußballs, seinen bevorstehenden Abschied – und darüber, was nach acht Jahren beim Chemnitzer FC bleibt.

Tobi, nach acht Jahren im CFC-Trikot endet im Sommer deine Zeit in Chemnitz. Mit welchen Gedanken blickst du auf deinen bevorstehenden Abschied?

Müller: „Insgesamt mit viel Stolz und Dankbarkeit für die letzten acht Jahre. Heutzutage ist im Fußball, aber auch im Leben allgemein, alles sehr schnelllebig geworden. Deshalb bin ich für diese lange Zeit bei einem Verein umso dankbarer. Es gab viele Höhen und Tiefen, und ich habe auf diesem Weg viele besondere Menschen kennengelernt. All das bleibt.“

Du hast über 200 Spiele für den CFC absolviert und warst über viele Jahre Kapitän. Du verabschiedest dich als Identifikationsfigur und Sympathieträger. Was bedeutet dir das?

„Ich bin einfach für die Wertschätzung dankbar, die ich zum großen Teil in meiner Zeit bei diesem Traditionsverein erfahren habe. Es war mir eine Ehre, im Trikot des CFC zu spielen und auf und neben dem Platz alles zu geben – auch, weil ich weiß, was der Club vielen Menschen bedeutet.“

Du fehlst seit Wochen aufgrund anhaltender Knieprobleme. Wie schmerzhaft ist es für dich, dass du dich am Samstag nicht im Trikot mit der Kapitänsbinde am Arm auf dem Platz von den Fans verabschieden kannst?

„Natürlich hätte ich mir das anders gewünscht. Aber das Leben ist nun mal kein Wunschkonzert. Ich konnte mich innerlich schon etwas darauf vorbereiten, habe mit der Situation meinen Frieden gemacht und freue mich auf den Tag. Ich bin trotzdem überzeugt, dass es ein schöner Abschied wird.“

Viele Fans waren überrascht, als bekannt gegeben wurde, dass du zum Saisonende Abschied vom CFC nehmen wirst. Wie ist es dazu gekommen?

„Im Januar gab es im Trainingslager einen intensiveren Austausch mit den Verantwortlichen darüber, wie es für mich über das Saisonende hinaus weitergehen könnte. Am Ende habe ich aus unterschiedlichen Gründen eine Entscheidung für mich getroffen. Aber das gehört nicht in die Öffentlichkeit.“

Bleibt bei dir etwas zurück?

„Nein, so ticke ich nicht. Die Dinge sind hinter den Kulissen offen und ehrlich angesprochen worden. Mein Gefühl war, dass auf beiden Seiten schlussendlich nicht mehr die volle Überzeugung vorhanden war, die es für eine weitere Zusammenarbeit gebraucht hätte. Der Verein möchte sich auf meiner Position neu aufstellen – das ist legitim und gehört im Fußballgeschäft dazu.“

Welche Rolle hat deine Verletzungshistorie dabei gespielt?

„Für jeden Verein ist es wichtig, dass Führungsspieler konstant auf dem Platz stehen und möglichst wenig verletzt sind – das ist mir bewusst. Leider habe ich seit geraumer Zeit mit anhaltenden Knieproblemen zu kämpfen. Für mich wird es darauf ankommen, wieder vollständig gesund und belastbar zu werden, um meine Karriere als Profi fortzusetzen.“

Wenn du nun auf deine acht Jahre in Chemnitz zurückblickst: Welche Momente bleiben hängen?

„Der Drittliga-Aufstieg im ersten Jahr war etwas ganz Besonderes. Die drei Sachsenpokalsiege waren außergewöhnlich – vor allem die beiden im eigenen Stadion. Auch die DFB-Pokalspiele gegen den Hamburger SV, Hoffenheim und Union Berlin bleiben in Erinnerung, auch wenn wir sie denkbar knapp verloren haben. Das waren echte Pokalfights als Underdog gegen große Mannschaften – da hat die Gellertstraße gebebt. Eine unglaubliche Atmosphäre.“

Gibt es darüber hinaus Erinnerungen, die nicht jeder sofort sieht, die dir aber besonders viel bedeuten?

„Es klingt vielleicht etwas ungewöhnlich für einen Fußballer, aber wenn ich ehrlich bin, sind es vor allem die Momente neben dem Platz, die sich bei mir tief eingebrannt haben. Ich denke dabei an unzählige Fahrten im Mannschaftsbus, an einen ausgeprägten Teamgeist und einen besonderen Zusammenhalt. Und natürlich an die Menschen, mit denen ich auch über den Fußball hinaus eine enge Verbindung aufgebaut habe.“

Du wurdest von den Fans rund um den 60. Vereinsgeburtstag als einzig aktiver CFC-Profi in die Legendenelf gewählt. Was bedeutet dir diese Auszeichnung?

„Es gibt viele Spieler, die es rein sportlich vielleicht mehr verdient gehabt hätten, weil sie noch erfolgreichere Zeiten mit dem CFC erlebt haben. Aber diese Wertschätzung bedeutet mir natürlich sehr viel. Es zeigt mir, dass ich in den vergangenen Jahren auch ein paar Dinge richtig gemacht habe.“

In deiner Karriere warst du bei vier verschiedenen Vereinen aktiv – was macht den Chemnitzer FC für dich im Rückblick besonders?

„In Chemnitz habe ich ein sehr familiäres Umfeld erlebt und viele Menschen kennengelernt, die mir ans Herz gewachsen sind. Wenn du acht Jahre bei einem Verein bist, wächst du automatisch enger mit ihm zusammen. Der Zusammenhalt in der Kabine war über weite Strecken etwas Besonderes. Ich habe in keinem Verein länger gespielt als hier in Chemnitz – ich denke, das sagt alles.“

Du hast einst als junger Spieler bei Dynamo Dresden unter Peter Pacult deinen ersten Profitrainer erlebt. Welche Bedeutung hatte er für deine Entwicklung?

„Das war für mich als damals 19-Jähriger ein ehrlicher und harter Einstieg in den Profifußball. Peter Pacult war ein Trainer der alten Schule, den es so heute kaum noch gibt. Es gab keinen festen Trainingsplan, vieles wurde von Tag zu Tag entschieden – du musstest immer bereit sein. Gleichzeitig hat er auf mich Rücksicht genommen und mir ermöglicht, parallel zum Zweitliga-Alltag mein Abitur zu machen – das war nicht selbstverständlich. Er hat mich gefördert und mich gerade in meiner Anfangszeit bewusst geschützt, insbesondere vor der großen Medienlandschaft in Dresden.“

Wie hat er das damals konkret gemacht?

„Nach meinem zweiten Einsatz in der 2. Bundesliga, bei dem mir direkt ein Doppelpack gelungen ist, hat er mich gezielt aus der Öffentlichkeit herausgenommen und Medienanfragen konsequent ferngehalten – auch, weil er ähnliche Situationen zuvor bereits mit anderen jungen Spielern erlebt hatte. So konnte ich mich voll auf Schule und Fußball konzentrieren. Er hat an mich geglaubt und mir den Einstieg in den Profifußball ermöglicht – dafür bin ich ihm auch 14 Jahre später noch dankbar.“

Beim Chemnitzer FC bist du über die Jahre zum Führungsspieler und zur Identifikationsfigur gereift. Wie hast du diese Rolle mit Leben gefüllt?

„Ich bin da Schritt für Schritt hineingewachsen und habe die Rolle auf meine Art ausgefüllt. Als ich mit 25 nach Chemnitz gekommen bin, hatte ich die Möglichkeit, mich ohne großen Druck zu entwickeln. Dabei war mir immer wichtig, authentisch und bodenständig zu bleiben und mich nicht zu verstellen. Dass ich die Mannschaft in den vergangenen fünf Jahren als Kapitän anführen durfte, war etwas ganz Besonderes.“

Am Samstag steht deine Verabschiedung beim Bezirksderby an. Was wünschst du dir für diesen Moment?

„Ich möchte den Moment auf dem Rasen genießen und die Atmosphäre im Stadion noch einmal aufsaugen. Und natürlich hoffe ich, dass wir danach als Mannschaft einen Erfolg im Bezirksderby gegen Zwickau gemeinsam in der Kabine feiern können.“

Was möchtest du den CFC-Fans zum Abschied mit auf den Weg geben?

„Ich wünsche dem Verein, dass der eingeschlagene Weg positiv weitergeführt wird und die gesteckten Ziele erreicht werden. Dass Fans und Mannschaft eine Einheit bleiben – so, wie ich es in den meisten Jahren beim CFC selbst erlebt habe. In diesem Verein steckt unglaublich viel Kraft. Ich hoffe, dass sie irgendwann auch wieder in einer höheren Liga zum Tragen kommt.“

Vielen Dank für das offene Gespräch, Tobi. Danke für acht Jahre im CFC-Trikot und deinen Einsatz für Verein und Stadt. Für deine Zukunft wünschen wir dir schon jetzt alles erdenklich Gute. Bei den Himmelblauen bist du auch in Zukunft jederzeit herzlich willkommen.

Interview: Henry Buschmann