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16.03.2022 - 09.22 Uhr | 1. Mannschaft

Das ist das Leben.

Seit dem 01. März 2022 ist Christian Tiffert Cheftrainer des Chemnitzer FC. In seiner Karriere absolvierte der Mittelfeldspieler insgesamt 225 Bundesliga-, 155 Zweitliga- und 34 Drittligaspiele und hat dabei einiges erlebt. Im ClubMagazin-Interview spricht der 40-Jährige über sein Leben auf dem Chemnitzer Sonnenberg, seine sportliche Begegnung mit David Beckham und verrät, weshalb er wegen Nationalspieler Obafemi Martins den Verein verlassen musste.

Hallo Tiffi, du bist nun seit etwas mehr als eine Woche Cheftrainer des Chemnitzer FC. Hört sich das Wort „Cheftrainer“ mittlerweile gewohnt für dich an oder zuckst du da noch ein bisschen?

Ab und zu. (lacht) Aber es wird weniger. Klar, am Anfang war es leicht ungewohnt für mich. Das ist ja auch normal. Aber mittlerweile ist es schon so, dass das Zucken weniger wird.

Du hattest zu deiner Pressekonferenz am Anfang betont: „Es wird Spieler geben, die an der Entscheidung zu knapsen haben“. Wie nimmst du die Mannschaft in den ersten Tagen als verantwortlicher Trainer wahr, wie geht sie mit dem Wechsel an der Seitenlinie um?

Ich habe auch den Spielern gesagt, als ich das erste Mal in der neuen Rolle vor die Mannschaft getreten bin, dass ich absolut Verständnis dafür habe. Den einen beschäftigt so etwas mehr, den anderen weniger. Es gibt Spieler, die einen engeren Draht zu Personen haben. Diejenigen sind dann eher mitgenommen, wenn jemand gehen muss. Mein Eindruck ist aber ein anderer: Ich erlebe in meinen ersten Tagen als verantwortlicher Trainer bisher eine fokussierte, willige Mannschaft, die viel Freude am Beruf hat. Ich bin, was das angeht sehr positiv überrascht.

Mit welchen drei Worten würdest du dich als Trainertyp bezeichnen?

Da muss ich etwas überlegen: Besonnen, akribisch, empathisch. 

Du hattest in deiner langen Karriere insgesamt 24 Vereinstrainer. Hinzu kommen Trainer in den Junioren-Nationalmannschaften. Da waren mit Giovanni Trapattoni, Felix Magath und Co. teils große Namen dabei. Welcher hat dich am meisten geprägt? 

Ich habe verschiedenste Beispiele an Trainern erlebt. Ich hatte diejenigen, die bewusst in die Provokation gegangen sind, um dann Sachen heraufzubeschwören und einem von der Psyche härter fürs Profi-Geschäft zu machen. Ich habe die übermäßig netten Trainer erlebt, die teilweise viel zu nett waren für das Geschäft und es die Mannschaft nicht gedankt hat. Bei den meisten kam es darauf an, wie sie eine Gruppe führen konnten. Das ist ein wichtiger Punkt in einem Mannschaftssport. Manchmal kann man ein Spiel gewinnen, indem man eine Gruppe gut führt und nicht aufgrund der erarbeiten Trainingsinhalte. Dafür muss man seine Spieler einzeln kennen. Jeder ist verschieden. Mit dem einen kann ich das machen, mit dem anderen das. Das nehme ich von so großen Trainern mit. Denn das haben die Trainer, die lange erfolgreich im Geschäft sind, immer auf ihre Art und Weise gekonnt.

Felix Magath gab dir als junger Spieler beim VfB Stuttgart viel Vertrauen. Was folgte war eine 1A-Karriere. Du hast Erfahrungen in der Champions League, im UEFA-Cup sammeln können, Partien beim FC Chelsea, Manchester United oder Valencia gespielt. Welche Partie würdest du als Highlight deiner Karriere benennen?

Leider liegt meine Champions-League-Zeit am weitesten zurück von allem was ich im Profifußball erlebt habe. (lacht). Ich schwelge nicht gerne in Erinnerungen, dafür bin ich einfach nicht der Typ. Von daher habe ich das alles auch nicht mehr so ganz auf dem Schirm. Meine präsenteste Zeit beginnt ab 30. Die Zeit hat sich bei mir am meisten eingeprägt. Ab da habe ich den Fußball bewusster wahrgenommen. Der Körper ist gesund, man darf noch Sport machen. Viele mussten aufgrund von körperlichen Problemen ihre Karriere beenden. Ich hatte das alles nicht während meiner ganzen Zeit bis heute. Das Fußball-Dasein nimmt man hinten raus nochmal ganz anders wahr.

Weil man dann langsam spürt, dass die Karriere endlich ist?

Ja, ganz genau. Man spürt dann auch nicht mehr so den ganz großen Druck, man will es nicht mehr der ganzen Welt beweisen. Man ist froh, dass man auf dem Rasen stehen darf. Ich habe Gott sei Dank in meiner Karriere alles miterleben dürfen. Ich war mal der richtige Volldepp, war dann aber wieder der größte King. In einem Jahr bist du der Held, im nächsten Jahr der Spieler, der den Abstieg verursacht hat. Ich habe wahnsinnig viel miterlebt. Wichtig ist da für sich eine Mitte zu finden.

Du hast sechs Jahre beim VfB Stuttgart gespielt, bist 2006 nach Salzburg gewechselt. Nur ein Jahr später wurde der VfB Deutscher Meister. Bist du zu früh gewechselt?

Die Bremse war weg und schon liefs. Von daher habe ich da schon auch meine Aktie am Meistertitel. (lacht) Man muss das ja auch ein bisschen mit Humor sehen. Ich gönne dem Verein alle Gute. Ich hätte wahrscheinlich eh nicht mehr gespielt, von daher war es zu dem Zeitpunkt der richtige Schritt für mich und für den Verein ja auch.

Es ging danach ja nicht schlecht weiter für dich. Du hast in der Karriere unter anderem gegen David Beckham, Cristiano Ronaldo, Ryan Giggs, Ruud van Nistelrooy gespielt. Wer war der Beste?

Wer mich wirklich schwer beeindruckt hat, war David Beckham. Wie der sich noch aus Los Angeles kommend bei uns in Seattle im Winter bei Regen auf Kunstrasen reingeworfen und um jeden Ball gekämpft hat, in diesem Alter und mit so einen Namen, der überall war und eine absolute Ikone ist. Also da muss ich sagen, sowas beeindruckt mich. Von der fußballerischen Qualität brauchen wir gar nicht erst sprechen.

Du hast ihn während der Zeit bei den Seattle Sounders als Gegenspieler erlebt. Der Wechsel in die USA im Jahr 2012 ein großer Traum für dich?

Wenn es Australien geworden wäre, wäre das für mich auch okay gewesen. (lacht) Es ging darum, dass ich bereits 30 Jahre war. Ich habe als Spieler nie ein Risiko gescheut und immer gerne etwas ausprobiert. Dann habe ich das Abenteuer Amerika einfach mal angenommen.

Die Zeit bei Seattle Sounders war relativ kurz. Warum?

Damit muss man in Amerika immer mal rechnen. Die Transfers laufen dort komplett anders. Es gibt dort einen Salary Cap, eine Gehaltsobergrenze. Es wird stark darauf geachtet, dass alle Vereine von den finanziellen Möglichkeiten ungefähr gleich sind. Man darf aber drei Spieler haben, die man über-tarif bezahlen kann. Die darf man dann irgendwann mal ab einem bestimmten Datum, in einem bestimmten Zeitfenster wieder abgeben und einen Neuen reinbringen, den man in der aktuellen Situation mehr braucht. So war das dann auch in meinem Fall. Seattle hat einen Stürmer gebraucht, der viele Tore schießt. Dann kam eben Stürmer-Star Obafemi Martins mit Anfang 30 und hat in seiner Blütezeit einen Haufen Tore gemacht. 

Was war das für eine Zeit? Wie war das Leben in Amerika?

Meine Frau und die beiden Kinder waren mit dabei. Meine Tochter hat den Kindergarten dort besucht. Es war wirklich alles cool. Aber ich mag Deutschland, ich habe nie über das Auswandern nachgedacht. Seattle war sicherlich ein Abenteuer und ein tolles Erlebnis.

Was hat dich begeistert?

Dass es keinen Neid gibt. Und dass dir als Spieler nicht alles abgenommen wird. Du fliegst teilweise 16 Stunden zu irgendwelchen amerikanischen Champions-League-Spielen in der Holzklasse, stehst dann noch vier Stunden an der Passkontrolle und es beschwert sich niemand. Da wird nicht gemeckert, weshalb dieses oder jenes nicht organisiert ist. Die machen ihr Zeug und erfreuen sich am Sport. Das erdet einen total.

Du bist in Halle/Saale geboren, hast in Deutschland, in Österreich und den USA gelebt. Warum ist letztlich ausgerechnet Chemnitz dein Lebensmittelpunkt geworden?

Unser Lebensmittelpunkt war ja zunächst noch in Stuttgart. Meine Frau kommt von dort. Ich hatte nach meiner Zeit in Bochum meine Karriere eigentlich beendet und wir sind zurück nach Stuttgart. Nach kurzer Zeit habe ich dann aber doch nochmal bei einem Verein hier in der Gegend gespielt. Ich bin zunächst ein Jahr lang gependelt. Aber man hat ja auch eine Familie. Die ständige Pendelei wollten wir als Familie nicht mehr. Seitdem sind wir hier und absolut glücklich!

Du bist auf dem Sonnenberg zuhause. Was zeichnet das Leben dort für dich aus?

Das ist das Leben! Ich bin in einer Großstadt groß geworden. Der Sonnenberg hat seine Eigenarten, ganz klar. Es kann mal lauter sein, du hörst das eine oder andere vom Nachbarn. Du kannst aber auch dein Auto stehen lassen, bist schnell zu Fuß in der Stadt, man hat in Chemnitz alles was man braucht. Man hat eine tolle Häusersubstanz auf dem Sonnenberg, sehr schöne Wohnungen, die vor allem noch bezahlbar sind. Es gibt Spielplätze, man kann die Kinder zum Spielen rausschicken. Das sind Vorzüge, neben dem, dass ich durchaus zu Fuß zu den Spielen ins Stadion laufen kann, die wir als Familie sehr genießen.

Trotz aller Erfolge zeichnet dich eins aus: Eine ausgeglichene Ruhe und Bodenständigkeit. Woher kommt das?

Das sagt meine Mama auch. Ich bin ja sehr früh von zu Hause ausgezogen und bin als Jugendlicher nach Berlin. Mit 18 ging es dann alleine nach Stuttgart. Ich habe dadurch früh gelernt, Dinge mit mir selbst auszumachen, ohne dass ich sie in mich hineinfresse. Ich hatte dann sicherlich auch mit Felix Magath einen Trainer, der mir ein paar Kniffe beigebracht und abgehärtet hat. Ich wollte mich nie beeinflussen lassen von Meinungsmache, die mich hochgehyped oder schlecht gemacht hat. Es macht mich nicht besser oder schlechter, wenn ich 400 oder 100 Bundesliga-Spiele gespielt habe. So habe ich mich auch nie gesehen.

Liegt das auch an deinem privaten Umfeld?

Ganz sicher! Da konnte ich vier Vorlagen gemacht haben, sobald ich nach Hause kam, wurde ich mit dem richtigen Leben konfrontiert. Man kommt durch die Tür und muss mit den Kindern Hausaufgaben machen und den Müll rausbringen. Das ist ein Stückweit Normalität. Die hat mir unheimlich geholfen, mich in diesem Geschäft zurecht zu finden.

Was bedeutet dir Bodenständigkeit? 

Sich selbst nicht zu überhöhen, ist wichtig. Dafür habe ich viel zu viel Demut. Ich habe Glück gehabt in meiner Karriere. Es war ein Privileg, das weiß ich alles zu schätzen. 

Tiffi, vielen Dank für das Gespräch und eine erfolgreiche Zeit!

Das Interview erschien erstmals am 12. März 2022 in der 551. Ausgabe des Stadionheftes "ClubMagazin" zum Heimspiel gegen den FSV 63 Luckenwalde.