Inklusion im Fußballstadion: Die "Wochenendrebellen" im Interview
Der Standartweg der meisten Kinder zum Fußball führt über Stadionbesuche beim nächst-größten Fußballverein, über eine Anmeldung durch die Eltern beim regionalen Fußballclub, weil das Kind einen zu großen Bewegungsdrang für die eigenen vier Wände hat oder die Anziehungskraft magischer Spieler und ihrer Tricks wie Zé Roberto, Diego oder Jay Jay Okocha. Doch warum so, wenn man auch eine Reise über hunderttausende Kilometer in hunderte Stadien quer durch Deutschland und über die Grenzen der Bundesrepublik hinaus mit dem Ziel, einen Lieblingsverein zu finden, antreten kann?
Auf dieser Reise befindet sich Jason von Juterczerka gemeinsam mit seinem Vater Mirco seit über zehn Jahren. Jason wurde früh in seinem Leben Autismus diagnostiziert (klick hier für mehr Informationen). Und obwohl das Stadionumfeld eigentlich jede Menge Situationen bietet, die schwer mit Jasons Wohlbefinden vereinbar sind, ist die Suche nach dem perfekten Verein nicht abgeschlossen. Aus der Suche wurde eine Leidenschaft und aus der Geschichte der beiden "Wochenendrebellen" mittlerweile ein Blog, ein Podcast, ein Buch und zuletzt sogar ein waschechter Kinohit (Hier geht's zum Trailer). Wir haben anlässlich unseres Inklusionsspieltages (Samstag, 13 Uhr gegen die VSG Altglienicke) mit den beiden über den Alltag mit Autismus, die Stadionbesuche und die Resonanz bezüglich ihrer medialen Präsenz gesprochen.
Jason und Mirco, ihr seid in den letzten Jahren sehr viel gereist und habt viele Spiele gesehen. Da hört man auch allerhand Fangesänge. Wie viele könntet ihr jetzt auf dem Stegreif noch singen?
Jason: Aus dem Stegreif könnte ich drei bis vier Lieder textsicher mitsingen. Ich kann aber Fetzen von deutlich mehr Liedern. Am meisten eingebrannt hat sich die Fanhymne aus Ahlen. Die ist sehr einprägend.
Mirco: Ich glaube tatsächlich es ist so: sie ist nicht einprägend, sondern sie prägt sich ins Ohr, man will sie da aber gar nicht haben (lacht). Es gibt da viele Skurrilitäten, aber das ist wirklich gruselig.
Neben dem Stadion hast du aber auch ein Alltagsleben Jason. Welche Einschränkungen gehen für dich im Alltag mit dem Autismus einher?
Jason: Es ist sehr passend, dass die Frage heute kommt. Aktuell ist Streik des ÖPNV in Kassel, wo ich zur Schule gehe. Das führt dazu, dass in dieser Woche ein Großteil meines Tages damit gefüllt war, herauszufinden, wie ich jetzt in die Schule und wieder zurückkomme. Meine Buslinie, die ich dafür nutze, ist aktuell so ziemlich die einzige, die überhaupt noch fährt und ist deshalb so überfüllt, dass ich nicht einsteigen kann, weil ich zu nah an anderen Menschen wäre. Ich verbringe also den ganzen Tag damit, einen Ort zu finden, an dem es erträglich ist zu warten und von dem aus ich stündlich zur Haltestelle laufen kann, um zu schauen, ob ein Bus kommt, in dem genug Platz ist, damit ich einsteigen kann.
Und wenn du es einmal in den Bus geschafft hast, kommst du problemlos nach Hause?
Jason: Nein. Wenn ich es dann einmal in den Bus geschafft habe, muss ich versuchen, mir einen Sitzplatz zu besorgen und den dann nicht wieder her zu geben. Das ist nicht einfach, denn wenn dann ältere Menschen zusteigen oder Personen mit Gehbehinderung muss ich irgendwie vermitteln, dass ich auf meinen Sitzplatz angewiesen bin. Der Sitzplatz ist ein 'Point of no Return', denn ich kann nicht wieder aus dem Bus raus, da ich zu eng an den Menschen vorbeimüsste. Da stoße ich dann durchaus auf wenig Verständnis. Äußerlich sieht man mir ja nichts an. Ich sehe einfach aus wie ein normaler 18-Jähriger. Das führt dann oft dazu, dass ich zu Hause auch nicht mehr viel schaffe. Eine vergleichbare Situation tritt ungefähr einmal pro Woche ein.
Mirco: Und dass er zu Hause nicht viel schafft, ist auch schwierig. Man sieht ihm in vielen Projekten an, wie wichtig ihm Produktivität ist. Das große Problem ist, dass diese Produktivität nicht möglich ist, wenn Jason einen Tag wie heute hatte, weil ihm der Weg von der Schule so viel Kraft gekostet hat, das zu Hause gar nichts mehr geht. Und mit gar nichts ist auch wirklich gar nichts gemeint. Das ist aus Elternsicht auch total schwierig. Man fühlt sich dabei so hilflos.
Gibt es im Gegensatz dazu auch positive Aspekte der Behinderung?
Jason: Ich kann Entscheidungen rational und konsequent treffen. In jeder Alltagsentscheidung sind in gewisser Form Moral und Fakten involviert und ich glaube, mein Autismus hilft mir dabei alles andere auszublenden. Auf der anderen Seite machen mir andere Alltagssituationen große Probleme wie Planung und Einhaltung zeitlicher Abläufe oder motorische Sachen wie Schuhe binden.
Gibt es denn Methoden oder Anlaufstellen, auf die man in solchen Situationen zurückgreifen kann?
Mirco: In der Situation selbst nicht. Man kann aber versuchen sich besser vorzubereiten. Im aktuellen Beispiel hätten wir uns besser abstimmen können, ob es möglich gewesen wäre Jason auf meinem Heimweg von Arbeit mit einzusammeln. Das geht aber auch nur, wenn ich keinen Umweg dafür fahren muss. Das gehört zu Jasons Grundsätzen, da er sich CO2- Neutral fortbewegen will. Und da haben wir erst über Mobilität gesprochen. Genauso viel gibt es auch zu beachten beim Essen oder Trinken. Man muss vorher versuchen, auf vieles zu achten. Ist das Kind dann einmal in den Brunnen gefallen, ist Jason auf sich allein gestellt und man kann dann auch wenig helfen.
Jason: Ja, und im schlimmsten Falle gibt es dann Situationen, die gar nicht zu lösen sind, weil in jedem Lösungsfall eine Regel verletzt wird. Das ist im Film gut dargestellt in der Nudel-Szene im Speisewaggon der Bahn. Das ist dann der Fall, wenn logisch erkennbar ist, dass die Situation nicht mehr zu retten ist, ohne eine Regel zu brechen.
Im Stadion ist es auch sehr voll und eng. Wie schaffst du es reinzukommen und dich wohlzufühlen?
Jason: Solche engen Situation, wie es heute im Bus der Fall gewesen wäre, treten mit mir im Stadion nicht auf. In solchen Situationen würde ich dann nicht weiter gehen oder Papsi müsste mich da rausholen. Klar ist aber auch eine gewisse Enge, bei der es mir lieber wäre, wenn sie nicht da wäre, gibt es auch. Die ist nicht angenehm, die muss ich dann aber in Kauf nehmen. Ansonsten könnte ich ins Stadion nicht rein. Es ist ein Abwägungsprozess, ob der Kontakt erträglich ist für das Stadionerlebnis. Bis zu einer gewissen Nähe fällt die Entscheidung dann pro des Stadionbesuchs aus, aber irgendwann ist dann halt auch Schluss und dann geht es nicht ins Stadion. Das ist immer der Fall, wenn es dauerhaften Körperkontakt gibt.
Sind die Stadien dann im Abwägungsprozess gleich wertvoll oder gibt es Unterschiede beispielsweise zwischen einem Oberligastadion und einem Bundesligastadion?
Jason: Nein. Da gilt dann: 'Tour ist Tour' und die Realisierung einer Tour ist mir immer gleich viel wert. Die andere Seite der Waage ist aber unterschiedlich gewichtet. Es ist oft so, dass in einem Oberligastadion mehr Platz ist und die Überwindung so geringer ist als in der Bundesliga.
Nun habt ihr durch das Buch und den Film eine Menge Termine für Lesungen und Kinobesuche. Kommt ihr denn überhaupt noch zum Reisen?
Jason: Aktuell haben wir tatsächlich nur Termine für Wochenendrebellen in Kinos oder für Lesungen mit dem Buch. Am vergangenen Wochenende war ich aber ohne Papsi bei Viktoria Köln. Die nächste Stadiontour wird sich voraussichtlich erst ergeben, wenn etwas mehr Zeit ist.
Mirco: Bei mir ist es berufsbedingt aktuell auch schwieriger. Ich hatte einen Job, bei dem ich sowieso durch ganz Deutschland reisen musste. So kam auch ein Großteil der Tour zustande. Jason wusste, ich bin beispielsweise am Samstagabend in Leipzig und konnte dann schauen, welche Vereine in der Nähe spielen. Das geht so leider gar nicht mehr bei mir.
Seit wann bist du denn dann jetzt allein unterwegs?
Jason: Das ist eher die Ausnahme. Möglich ist das nur in Stadien, in denen dann eben mehr Platz ist und ich bin dann auch nicht ganz allein. Ich bin dann unterwegs mit Personen, die wir schon länger kennen.
Mirco: Wir haben einen Groundhopper kennengelernt, der sich auf Basis unserer Geschichte entschieden hat, sich auch beruflich mit dem Thema Autismus-Spektrum auseinanderzusetzen. Und mit ihm ist Jason dann jetzt beispielsweise zuletzt bei Viktoria Köln unterwegs gewesen.
Nun wart ihr nicht nur in Deutschland unterwegs, sondern auch im Ausland. Wie viele Stadien außerhalb Deutschlands habt ihr denn schon besucht?
Jason: Ich würde sagen, im Ausland waren wir in fünfzehn Stadien.
Mirco: Und noch mal fünf bis zehn Stadien zusätzlich, in denen wir waren, wo dann aber kein Spiel stattgefunden hat. Wo dann das Spiel spontan in ein anderes Stadion verlegt wurde, man aber nicht so schnell wegkommt, weil es schwierig ist, beispielsweise im tiefsten Rumänien so schnell dann zu dem anderen Stadion nur über öffentliche Verkehrsmittel zu kommen.
Wie habt ihr denn in den Stadien den Grad der Inklusion und die Offenheit gegenüber Behinderungen wahrgenommen?
Jason: Im Stadion habe ich in der Regel mehr Verständnis für meine Bedürfnisse wahrgenommen als in den anderen Teilen der Gesellschaft. Es gibt ja aber auch Berichte, die sich damit beschäftigen und zum Ergebnis kommen, dass es beispielsweise in keinem Fußballstadion der Bundesliga genug Plätze für Rollstuhlfahrer:innen gibt. Ich denke, dass ich auch viel Glück hatte, dass ich mit meinen Bedürfnissen weniger Probleme im Stadion bekommen habe.
Mirco: Ich versuche mir das bei den Vereinen auch gesondert von Jason noch mal anzuschauen und man bekommt ja auf Lesungen einiges von den Vereinen mit. Da habe ich schon gemischte Gefühle. Auf der einen Seite gibt es Vereine, denen man abnimmt, dass sie das Thema Inklusion wirklich angehen wollen. Die sich nicht nur inklusiv darstellen wollen, sondern auch inklusiv handeln. Auf der anderen Seite gibt es aber auch immer und immer wieder Vereine, die sich mit kleinen Inklusionsprojekten schmücken wollen, um sich selbst einen inklusiven Anstrich zu geben. Nichtsdestotrotz passiert auf diesem Gebiet immer mehr und es gibt viele gute Projekte dazu.
Du hast gerade schon angesprochen, dass viel im Bereich Inklusion passiert. Wie schätz ihr die gesellschaftliche Entwicklung gerade in den letzten Jahren ein?
Jason: Prinzipiell ist es schon so, dass es eine Entwicklung hin zu mehr Wissen und Sensibilisierung gibt. Das spüre ich selbst auch direkt im Alltag. Ein konkretes Beispiel wäre, dass ich das Wort 'Behinderung' deutlich seltener als Beleidigung höre als noch vor ein paar Jahren. Auch das es einige Initiativen im Fußball gibt, ist ein Fortschritt. Im generellen glaube ich, dass Menschen, die rücksichtsvoll sind und wollen, dass es ihren Mitmenschen gut geht, deutlich besser informiert werden und so auch besser handeln können. Auf der anderen Seite gibt es aber auch eine Gegenentwicklung hin zu mehr Behindertenfeindlichkeit. Beispielsweise in einigen politischen Lagern, wenn Inklusion als 'Ideologieprojekt' beschrieben wird oder wenn diskutiert wird, behinderte Kinder von öffentlichen Schulen zu nehmen. Diese Meinung wird auch von einem großen Prozentsatz der Bevölkerung getragen. Ich denke, es könnte da in zwei Richtungen weiter gehen.
Ihr habt mit dem Film und dem Buch ein großes Publikum erreichen können. Habt ihr denn auch schon positive Rückmeldungen bekommen von Betroffenen, denen ihr damit helfen konntet?
Jason: Ja. Extrem viele. Egal ob per Mail, persönlich bei den Lesungen oder in den Kommentarspalten unter unseren Posts. Es waren Tausende, die sich gemeldet haben und uns gesagt haben, wie hilfreich das Ganze war.
Mirco: Das war auch in einer Wucht, die ich nicht erwartet habe. Natürlich haben wir viele Interviews gegeben und die Promotionphase der Lesung war auch eng mit dem Film verzahnt, aber dann waren wir unterwegs, haben so viel positives Feedback bekommen und abends haben wir das Mail-Postfach geöffnet und es wurde immer mehr. Es kam auch viel von Eltern, die sich dafür bedankt haben, dass wir unsere Geschichte geteilt haben. Auf der Tour kam beispielsweise eine Mutter mit ihrer etwa 16-jährigen, autistischen Tochter, die sich in jeder Stadt, in die sie gefahren sind, die Feuerwehrwache anschauen musste. Die Wache wird dann auch nach verschiedenen Maßstäben bewertetet und in Tabellen festgehalten. Das hat die Mutter immer als Belastung wahrgenommen, bis sie auf den Film aufmerksam geworden ist. Durch ihn hat sie so noch einmal eine neue Perspektive einnehmen können. Wenn die Familie jetzt in eine Stadt fährt, geht sie mit der Tochter zur Feuerwehrwache und der Vater bereitet mit dem Sohn schon ein paar andere Sachen vor. Das hat ihr den Umgang mit ihrer Tochter erleichtert und auch dem Umfeld der Familie.
Zum Abschluss, wenn ihr einen Wunsch für den Umgang mit dem Thema Autismus frei hättet, welcher wäre es?
Jason: Jetzt muss ich erst mal überlegen. Ich muss den Wunsch auch allumfassend wählen. Klar würde es mir persönlich helfen, wenn Menschen andere Menschen nicht mehr ungefragt anfassen, aber das bringt ja anderen, die kein Problem damit haben, nichts. Ich glaube, der allumfassendste Wunsch wäre, dass radikale Akzeptanz der gesamten Gesellschaft das Primat sein sollte. Also, dass überall die Perspektiven aller gleichberechtigt sind. Dass es nicht darum geht, Menschen in irgendeiner Form zu integrieren und zu verändern, sondern dass auch die 'Mehrheitsgesellschaft' in die Pflicht genommen wird, auf Autist:innen zu zukommen. Dass man damit aufhört, Seperatstruckturen zu schaffen und stattdessen dafür sorgt, dass die Gesellschaft so wie sie ist für alle erträglich wird. Dass also beispielsweise keine separaten Schulen für Behinderte gebraucht werden, sondern dass die Schulen, wo alle Menschen hingehen, zugänglich sind für behinderte Menschen. Das funktioniert wahrscheinlich am besten, wenn überall gilt, dass man die Bedürfnisse der Menschen nicht hinterfragt. Wenn überall die radikale Akzeptanz gilt.
Mirco: Nach so einem Wunsch ist es natürlich immer schwierig, selbst etwas Sinnvolles zu finden. Aber wenn es um das Thema Inklusion geht, würde ich mir einfach wünschen, dass man den Betroffenen zuhört. Innerhalb des autistischen Spektrums gibt es auch viele Wünsche, die nicht immer zwingend mit Geld zu tun haben oder mit mehr Kosten, sondern einfach mit einem aufmerksamen Zuhören. Und dann, wie man es schaffen könnte, so ein großartiges Erlebnis wie ein Fußballspiel allen zugänglich zu machen.
Insbesondere Autismus steht am 13. April im Mittelpunkt des himmelblauen Inklusionsspieltages. G-E-M-E-I-N-S-A-M mit euch geht es darum zur Partie gegen die VSG Altglienicke ein Zeichen für Inklusion setzen. Wir freuen uns euch an diesem besonderen Tag im Stadion - An der Gellertstraße begrüßen zu dürfen.



