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02.06.2025 - 14.27 Uhr | 1. Mannschaft

Ein Jahr Lernort Stadion in Chemnitz: Bildung, Begegnung und bleibende Eindrücke

Vor einem Jahr begann im Stadion – An der Gellertstraße ein besonderes Kapitel: Jugendliche aus Chemnitz und Umgebung erlebten das Stadion des CFC nicht nur als Ort für Tore, Jubel und Triumphe, sondern als Lernort. Seitdem ist viel passiert. Über 20 Schulklassen der Jahrgangsstufen 8 bis 10 nahmen bereits an den Projekttagen teil – und machten dabei oft zum ersten Mal intensive Erfahrungen mit Themen wie Rassismus, Diskriminierung und Gewaltprävention.

CFC-Anti-Rassismusbeauftragter Martin Ziegenhagen, der das Projekt seit Stunde eins begleitet, zieht nach einem Jahr eine erste Bilanz – offen, kritisch und mit viel Leidenschaft für die Sache.

"Inhaltlich sind wir voll auf Kurs"

Nach einem holprigen Start inklusive Trägerwechsel aus administrativen Gründen, soll das Projekt jetzt wieder richtig Fahrt aufnehmen. Trotzdem konnten bereits viele Ziele erreicht werden. Die Zusammenarbeit mit den Schulen funktioniert gut – die Nachfrage ist stabil, die Rückmeldungen positiv. "Die Jugendlichen erleben den CFC und das Stadion in einem völlig neuen Kontext. Das bleibt hängen", so Ziegenhagen.

Junge Menschen – mitten im Leben, offen für neue Perspektiven

Die teilnehmenden Jugendlichen – meist 8., 9. oder 10. Klasse – kommen mit ganz unterschiedlichen Erwartungen ins Stadion. Viele von ihnen sind geprägt von Vorurteilen, Unsicherheiten oder Halbwissen. Doch genau dort setzt das Projekt an. "Einmal im Stadion zu stehen, mit uns über Gewalt, Mobbing oder Rassismus zu sprechen – das verändert den Blick", sagt Ziegenhagen.

Besonders eindrücklich sei, wenn die Jugendlichen begreifen, dass die Themen auch sie selbst betreffen: "Viele haben schon Ausgrenzung erlebt oder Konflikte nicht gewaltfrei lösen können. Hier lernen sie neue Wege, bekommen Impulse – nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern im Gespräch auf Augenhöhe."

St. Pauli, Neuengamme und der Blick über den Tellerrand

Unvergessen bleibt die gemeinsame Fahrt nach Hamburg. Beim FC St. Pauli wurden die Chemnitzer Jugendlichen nach einem Workshop von Ultras durchs Stadion geführt – ein direkter Draht zu jungen Menschen, die sich politisch klar positionieren. Ziegenhagen erinnert sich: "Das war für viele unserer Teilnehmer ein Aha-Moment. Die haben gemerkt: Diese Leute meinen es ernst. Und sie können ihre Werte klar erklären."

Anschließend ging es ins ehemalige Konzentrationslager Neuengamme. Dort führte Ziegenhagen die Jugendlichen selbst – mit klaren Worten, historischen Beispielen und viel Raum für Fragen. "Viele wussten kaum etwas über den Nationalsozialismus. Es war still, aufmerksam – und spürbar bewegend", erzählt er. "Wir haben versucht zu zeigen: Das, was wir heute für selbstverständlich halten, ist ein hohes Gut. Demokratie, Freiheit, Vielfalt – das ist nichts, was einfach so bleibt."

"Wir sehen erste Wirkung – aber es braucht mehr"

Natürlich, räumt Ziegenhagen ein, sei ein einziger Projekttag keine Wunderwaffe gegen Extremismus. "Aber wir setzen Impulse. Wenn ein Jugendlicher nachdenklich wird, wenn er eine andere Sichtweise mitnimmt – dann haben wir etwas erreicht." Oft zeige sich in Gesprächen, dass viele diskriminierende Haltungen auf Hörensagen beruhen – auf dem, was "am Küchentisch erzählt wird". Hier bietet Lernort Stadion Raum für Gegenerzählungen und Reflexion.

Blick nach vorn: Ausbau, Verstetigung, Verantwortung

Für das zweite Projektjahr ist viel geplant. Das Projekt wird stärker strukturell verankert, neue inhaltliche Module entstehen. Ziel ist es, den Schulen feste Zeiträume und Planbarkeit zu bieten – und den Jugendlichen mehr Mitspracherecht bei Themenwahl und Gestaltung zu geben. „Unser Fokus bleibt klar: Gewaltprävention, Demokratieförderung und Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus“, betont Ziegenhagen.

"Wir wollen Vorbild sein"

Der CFC sieht sich in der gesellschaftlichen Verantwortung – und lebt diese mit Projekten wie "Lernort Stadion" aktiv. "Wir geben der Ultra-Kultur bewusst Raum, setzen aber auch klare Grenzen", sagt Ziegenhagen. "Dieser Verein steht für Offenheit, Respekt und Vielfalt. Und dafür treten wir auch außerhalb des Platzes ein."

Was vor mehr als einem Jahr als loser Workshop begann, hat sich zu einem festen Baustein in der Bildungsarbeit des Chemnitzer FC entwickelt. Das Stadion als Klassenzimmer – mit Perspektivenwechsel, Gesprächen, Herausforderungen. Ein Projekt, das bewegt. Und hoffentlich noch lange bleibt.

Für den CFC. Für Chemnitz. Für Vielfalt und Demokratie.