„Großartige Möglichkeit der aktiven Mitgestaltung unseres Vereins“
Der Chemnitzer FC bekommt ein Leitbild: In den vergangenen Wochen und Tagen fanden hierzu mehrere unterschiedliche Online-Workshops statt. Seit kurzem wird es konkret. Erste Inhalte wurden in diesem partizipativen Prozess mit den Mitgliedern, Fans und Interessierten bereits erörtert. Im Interview spricht Norman Löster, Leiter der Steuerungsgruppe Leitbild und stellvertretender Aufsichtsratvorsitzender des Chemnitzer FC über den Entstehungsprozess, die Arbeit in der Steuerungsgruppe und die Ziele.
Hallo Norman, der Chemnitzer FC befindet sich mitten im Prozess der Leitbild-Erstellung. Hierfür wurde extra eine Steuerungsgruppe ins Leben gerufen. Was ist das?
Die Steuerungsgruppe ist eine unabhängige Arbeitsgruppe, die aus der AG Werte- und Fanarbeit hervorgegangen ist. Wir haben uns am 18.03.2021 konstituiert und tragen die Verantwortung für die Leitbilderstellung und organisieren den demokratischen, partizipativen Prozess zur Erstellung eines Leitbildes.
Was macht die Steuerungsgruppe genau?
Die Steuerungsgruppe befindet sich auch außerhalb der Sitzungen in einem regelmäßigen Austausch und plant und organisiert den gesamten Prozess der Leitbilderstellung. Darüber hinaus verfasst die Steuerungsgruppe regelmäßige Statusberichte zur Entwicklung des Leitbildprozesses für die Gremien des Vereins sowie die Fan- und Mitgliederveranstaltungen.
Wie setzt sich die Steuerungsgruppe zusammen? Kocht der CFC da im sogenannten eigenen Saft?
Keineswegs! Die Steuerungsgruppe ist breit aufgestellt und vereint Vertreter aus ganz verschiedenen Bereichen. Natürlich sind Vertreter des CFC, wie die stellvertretenden Vorsitzenden des Vorstands und des Aufsichtsrates oder der Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sowie der Fanbeauftragte dabei. Es sind aber auch Vertreter des AWO Fanprojekts Chemnitz, der Vorstandsvorsitzende des Fanszene Chemnitz e.V., Vertreter der CFC-Fans gegen Rassismus, eine Masterandin der TU Chemnitz und der Stadtsportbund Chemnitz e.V. eingebunden. Die Steuerungsgruppe wird durch die erfahrene Arbeit des Anti-Rassismus-Beauftragten des CFC sowie der Referatsleiterin für Sport- und Jugendpolitik der Sportjugend Hessen im LSB Hessen e.V. bereichert.
Was ist aus eurer Sicht ein Leitbild?
Wir streben ein gemeinsam durch Vereinsmitglieder, Fans, Mitarbeiter und Partner erarbeitetes Leitbild an, welches Identität, Werte und Ziele des Vereins enthält. Ein Leitbild verdeutlicht den Sinn und Zweck des CFC und gibt einen Rahmen für das tägliche Handeln vor. Dabei hat es eine Wirkung nach innen und außen.
Warum benötigt der CFC überhaupt ein Leitbild?
Das Leitbild gibt dem CFC einen Wertekompass. Hinter den verschriftlichen Leitsätzen und Werten sollen sich alle, die sich dem CFC zugehörig fühlen, versammeln können. Deshalb ist es uns wichtig, das finale Leitbild von der Mitgliederversammlung verabschieden zu lassen.
Der Prozess ist angelaufen. Wie entsteht das Leitbild? Was ist der Ansatz? Transparenz und Partizipation sind hier wichtige Schlagworte.
Ganz genau! Wir nehmen in dem Prozess der Leitbilderstellung alle Interessierten, Mitglieder und Fans mit. Jeder kann und soll mitmachen. Ich möchte nochmal unterstreichen, dass es das Leitbild unseres CFC werden soll. Externe Stimmen sind in der gemeinsamen Diskussion herzlich willkommen, um Anregungen und neue Impulse zu gewinnen. Zur Erstellung des Leitbildes werden auch die Ergebnisse der wissenschaftlichen Umfrage der Hochschule Mittweida und MIKOMI verwendet. Das Leitbild selbst wird aber durch den Verein, also die zahlreichen Mitglieder, Fans, Mitarbeiter, Gesellschafter und Partner erarbeitet.
Am Dienstag (02. November) wurde es dann erstmals inhaltlich konkret. In einem offenen ersten Online-Workshop hat die Steuerungsgruppe gemeinsam mit Mitgliedern, Fans und Interessierten erste zwei Leitfragen diskutiert. Worum ging es da genau?
Bei der gemeinsamen Videokonferenz wurden anhand der Leitfragen „Identität und Auftrag: Wer sind wir? Was ist aus unserer Sicht der Auftrag des Chemnitzer FC?“ & „Werte: Wofür stehen wir? Welche Werte leiten unser Handeln?“ erste konkrete Inhalte des Leitbildes des Chemnitzer FC diskutiert und erörtert. Wir haben zu jeder Frage Kleingruppen gebildet, in denen jeder zu Wort kommen durfte, die anschließend im Plenum ausgewertet und dokumentiert wurden.
Wie schätzen du und die Steuerungsgruppe den ersten Workshop ein? Seid ihr zufrieden?
Wir sind sehr glücklich mit dem ersten Workshop und der Qualität der Diskussion. Ich möchte im Namen der Steuerungsgruppe an dieser Stelle schon jetzt allen danken, die sich für das Leitbild einbringen und an der Erstellung aktiv beteiligen. Der Workshop war ein gelungener Auftakt. Der Wunsch nach mehr Teilnehmenden ist bei uns immer vorhanden, weil wir so noch mehr Meinungen hören und einfließen lassen können. Ich rufe deswegen nochmal auf: Nutzt die Chance der Mitgestaltung und bringt euch ein. Himmelblau verpflichtet. Es lohnt sich.
Gab es auch kritische Stimmen? Wie geht man mit ihnen um?
Leitbild heißt auch gemeinsam zu streiten. Genau das wollen wir auch. Jeder Teilnehmende soll für seine Überzeugung einstehen und sich mit den anderen im Prozess reiben. Nur so bekommen wir ein demokratisches Endergebnis. Zu Beginn wurde von einigen Teilnehmern das Leitbild fälschlicherweise als politisches Instrument gesehen. Der sehr interessante Online-Vortrag von Prof. Dr. Martin Nolte von der Deutschen Sporthochschule zum Thema „(partei-)politische Neutralität in Sportvereinen“ hat uns dabei geholfen, klarer zwischen Politik und gesellschaftlichem Engagement zu differenzieren.
Der Workshop, der Vortrag mit Prof. Dr. Nolte sowie alle anderen Veranstaltungen dazu fanden bisher aufgrund des Pandemiegeschehens ausschließlich online statt. Ist das ein Nachteil?
Die Pandemie stellte und stellt nach wie vor die größte Herausforderung im Prozess dar. Auf der einen Seite möchten wir allen Personen die Möglichkeit zur Teilnahme geben. Aufgrund der geltenden Verordnungen und G-Regelungen ist dies nur eingeschränkt möglich bzw. würde nur eingeschränkt wahrgenommen werden. Andererseits kann ein Online-Format niemals den direkten Austausch ersetzen. Dem sind wir uns bewusst. Wir haben alle Schritte gemeinsam innerhalb der Steuerungsgruppe abgestimmt und uns regelmäßiges Feedback eingeholt. Ziel ist weiterhin, den finalen Workshop zur letztlichen Verschriftlichung des Leitbildes in Präsenz in der ersten Jahreshälfte 2022 durchzuführen – hierzu kann es aus unserer Sicht keinen geeigneteren Ort geben, als unser himmelblaues „Wohnzimmer“.
Kann man sich dem Prozess noch anschließen und einsteigen, auch wenn man die ersten Workshops verpasst hat?
Der Prozess ist jederzeit offen und das bis zum Schluss. Wir sind hierbei völlig transparent. Die Unterlagen und aktuellen Termine werden regelmäßig auf der Webseite veröffentlicht. Die Anmeldung kann dabei völlig formlos per Mail an leitbild@chemnitzerfc.de erfolgen. Hierüber sind wir auch ständig für Rückfragen und Informationen erreichbar.
Wie geht es weiter? Wann steht das Leitbild?
Wir haben die feste Absicht noch in diesem Jahr ein bis zwei weitere Online-Workshops durchzuführen. Der nächste findet am 24.11.2021 um 17:30 Uhr statt. Abhängig von der Entwicklung der Pandemie planen wir die Veranstaltung zur Fertigstellung des Leitbildes zum Ende des 1. Quartals 2022. Bis zum Ende des 2. Quartals 2022 soll das Leitbild veröffentlicht werden.
Was passiert, wenn das Leitbild steht? Wie soll es mit Leben gefüllt werden?
Das Leitbild ist verbindlich für den gesamten Chemnitzer FC und die, die sich dem Club zugehörig fühlen. Es wird im Anschluss des Leitbild-Prozesses ein Prüfkatalog entstehen, der das tägliche Handeln nach dem Leitbild messen wird. Es ist absolutes Ziel und Verpflichtung, dass dieses Leitbild nicht anschließend in der Schublade verschwindet.
Warum engagierst du Dich persönlich so sehr für das Leitbild des Chemnitzer FC?
Als Vereinsmitglied und Gremienvertreter ist es für mich eine Selbstverständlichkeit. Es ist für mich eine große Freude, das Vertrauen vom Vorstand und dem erfahrenen Anti-Rassismus-Beauftragen des CFC, Martin Ziegenhagen, erhalten zu haben, die leitende Verantwortung für diesen so wichtigen Prozess zu übernehmen. An dieser Stelle ist es mir wichtig, meinem Steuerungsteam, das viele Stunden investiert und mit viel Engagement und Leidenschaft den Leitbildprozess unterstützt, zu danken. Wir haben allesamt die großartige Möglichkeit der aktiven Mitgestaltung unseres Vereins. Von daher nochmal der Aufruf: Seid aktiv und unterstützt uns bei unserem Leitbildprozess.
Norman, vielen Dank für das informative Gespräch und euch allen weiterhin viel Schaffenskraft bei der Erstellung unseres Leitbildes.
Das Interview erschien erstmals am 06. November 2021 in der 545. Ausgabe des Stadionheftes "ClubMagazin" zum Heimspiel gegen den ZFC Meuselwitz.



