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10.10.2023 - 15.54 Uhr | 1. Mannschaft

Himmelblaue Geschichten: "Wer ist denn der Junge?"

Dieser Text entstand im Zuge der Traditionspflege des Chemnitzer FC. Gemeinsam mit unseren Fans wollen wir die Geschichte unseres Vereins erhalten und über interessante Fakten aus der Vergangenheit informieren. Für mehr Transparenz und Identifikation mit unseren Himmelblauen.

Beim Jubel über den 2:1-Sieg in Zwickau konnte erneut ein junger Spieler im CFC-Trikot sein Debüt im Männerteam feiern - Stanley Birke. Der 18-Jährige vertrat den an der Schulter verletzten David Wunsch im Tor und hat nun beim ersten Einsatz gleich einen Auswärtssieg im Bezirksderby in seinen Papieren stehen. Birke ist in dieser Saison schon der zweite Debütant im Tor, denn im Sachsenpokal beim SV Merkur 06 Oelsnitz beorderte CFC-Coach Christian Tiffert den erst 16-jährige Clemens Boldt zwischen die Pfosten. Der junge Mann hielt in Oelsnitz seinen Kasten sauber und gilt nunmehr als jüngster eingesetzter himmelblauer Kicker seit der Vereinsgründung 1966.

Nach dem Pokalspiel in Oelsnitz blickten wir in die himmelblaue Statistik und meinten, Boldt wäre der erste 16-Jährige, der jemals zum Einsatz kam. Auf den zweiten Platz setzten wir Steffen Heidrich, der im Jahr 1984 mit 17 Lenzen den Rasen zum ersten Mal betrat. Ein aufmerksamer himmelblauer Statistikfreund wies uns jedoch darauf hin, dass beim FC Karl-Marx-Stadt bereits in der Saison 1974/75 ein 16-Jähriger zum Einsatz in der ersten Elf kam. Und dies mit tragischen Folgen für den FCK.

FIFA-Schiedsrichter Rudi Glöckner: "Wer ist denn der Junge?"

Am 5. Oktober 1974 stand das FDGB-Pokalspiel der 2. Runde an. Der FCK musste zur ASG Vorwärts Löbau in die Oberlausitz reisen. Cheftrainer Gerhard Hofmann packte den am 16. November 1957 geborenen Bernd Richter mit ein und steckte den gerade einmal 16-Jährigen sogar in die Startelf. Schiedsrichter der damaligen Partie war niemand geringeres als Rudi Glöckner (†1999) aus Markranstädt – der bis heute einzige Deutsche, der ein WM-Finale leitete (1970 in Mexiko).

Der FCK tat sich schwer bei den Armee-Fußballern. Im DDR-Fachblatt "Fuwo" ist nachzulesen: "In der 87. Minute, als fast schon an die Verlängerung geglaubt wurde, behielt Ihle nach einem Gedränge im Strafraum die Übersicht und erzielte nach Pass von J. Müller das kaum noch erwartete 1:0." Ein spätes Tor, ein Arbeitssieg, im Pokal - fragt später keiner mehr danach. Oder doch? Schiedsrichter Glöckner ging in der Halbzeit auf die CFC-Offiziellen zu und sprach sie auf Richter an: "Wer ist denn der Junge?" Die damalige Spielordnung sah vor, dass "Juniorenspieler nur dann in einer Männermannschaft mitwirken konnten, wenn sie das 17. Lebensjahr vollendet" und die Erlaubnis ihrer Eltern eingeholt hatten. Glöckner schaute noch einmal auf das Spielformular und bemerkte, dass Richter mit 16 Jahren zu jung war. Er ließ den Jungen dennoch weiterspielen, die ASG Vorwärts Löbau hätte Protest einlegen müssen, tat dies aber nicht.

"Eine Woche später ist der DFV (Deutscher Fußball-Verband der DDR) der Sache aber auf die Schliche gekommen", sagt Richter heute. Und - wie schon befürchtet - wurde dem FCK der Sieg aberkannt. Bernd Richter war zu jung, um im Männerteam spielen zu dürfen. Im Urteil des DFV hieß es: "Das unberechtigte Mitwirken des Sportfreundes Bernd Richter konnte nach der Bestimmung des § 22 Ziffer 12b der Spielordnung des DFV der DDR aber nur zur Folge haben, dass das Pokalspiel für den FC Karl-Marx-Stadt als verloren gewertet werden musste". Was für ein Pech. Der mühselige FCK-Sieg und der Einsatz eines blutjungen Spielers wurden bestraft.

Richter: Vom FCK nach Zwickau, Reichenbach und Auerbach

"Für mich war das natürlich bitter. Ich wurde wieder zurück in die Jugendmannschaft geschickt und hatte dem Team die Niederlage gekostet, auch wenn es eigentlich nicht mein Fehler war", sagt Richter. Sportlich konnte er sich später gegen die starke Konkurrenz im Kader nicht durchsetzen. Mit 25 Jahren wechselte der Mittelfeldspieler zur BSG Sachsenring Zwickau, musste dort aufgrund Leistenbeschwerden schon mit 29 Jahren seine Profikarriere beenden. Richter spielte noch bis zu seinem 43. Lebensjahr in der Bezirksliga beim Reichenbacher FC, wo er anschließend auch seine ersten Schritte im Trainergeschäft machte. An der Seite von Sven Köhler arbeitete der heute 66-Jährige über viele Jahre als Co-Trainer des VfB Auerbach. Richter: "Heute bin ich sozusagen Fußballrentner, ab und zu spiele ich aber noch in der Traditionsmannschaft der Himmelblauen mit."

Kleiner Trost am Rande: Auch die ASG Löbau konnte aus dem Vorfall keinen Vorteil für sich erwirken, denn der strenge DFV hatte auch bei den Gastgebern einen Fauxpas entdeckt: die Oberlausitzer hatten die Spielberechtigung des FCK zwar kontrolliert, aber keinen Fehler festgestellt. Sie hatten laut Fuwo "den erkannten Mangel in der Spielberechtigung des Sportfreundes Bernd Richter" nicht beanstandet. So kam es letztlich zu einem kuriosen Urteil in diesem Fall. Dem FCK wurde der Sieg aberkannt und das Spiel für Löbau als "nicht gewonnen" gewertet. Nutznießer und lachender Dritter war die ASG Vorwärts Stralsund, die nun im Achtelfinale keinen Gegner hatte und kampflos ins Viertelfinale einzog. (FN)

Die richtige Reihenfolge der jüngsten eingesetzten Spieler seit Vereinsgründung 1966:

1. Clemens Boldt | 16 Jahre, 10 Monate, 8 Tage | Debüt: 10.09.2023 / Geb.: 02.11.2006

2. Bernd Richter | 16 Jahre, 10 Monate, 19 Tage | Debüt: 05.10.1974 / Geb.: 16.11.1957

3. Steffen Heidrich | 17 Jahre, 4 Monate, 26 Tage | Debüt: 15.12.1984 / Geb.: 19.07.1967