„Ich hatte immer positive Energie.“
Drei Spiele, ein Tor, eine Vorlage. Kilian Pagliuca ist der aktuellste Neuzugang des Chemnitzer FC und direkt mittendrin. Im ClubMagazin-Interview spricht der Angreifer über seine exzellente fußballerische Ausbildung, seinen Glauben an Gott und die vergangenen, aufreibenden Monate.
Hallo Kilian, wenn man sich deinen fußballerischen Lebenslauf ansieht, erkennt man, dass du eine sehr gute fußballerische Ausbildung genossen hast. Du wurdest unter anderem bei Olympique Lyon ausgebildet. Wie hast du die Zeit als Nachwuchsspieler erlebt?
Pagliuca: Ich lebte dadurch schon früh nicht mehr zu Hause bei meinen Eltern und habe Sie nur am Wochenende nach den Spielen für kurze Zeit in Genf gesehen. Ich lebte in dieser Zeit bei einer Gastfamilie. Wir sind noch heute im Kontakt. Sie waren wie eine zweite Familie für mich. Als ich nach Lyon gewechselt bin, war das wie eine andere Welt. Ich zog ins Internat von Olympique Lyon. Das ist Luxus. Am Trainingsgelände siehst du, wie die Spieler mit dem Ferrari zum Training kommen. Da hast du jeden Tag große Augen bekommen. Mein Trainer war seit 20 Jahren im Geschäft. Er hat alle Großen, wie Benzema oder Lacazette trainiert.
Sportlich lief es da gut für dich.
Die Zeit in der U17 und U19 war ganz ok. Ich war der erste Spieler meiner Generation, der in die zweite Mannschaft kam. Ich war Stammspieler neben Spielern wie Alassane Pléa, der heute bei Borussia Mönchengladbach spielt. Später durfte ich dann die Saisonvorbereitung und ein paar Testspiele mit der 1. Mannschaft absolvieren. Leider habe ich mich dann am Knie verletzt. Danach wurde es kompliziert. Ich hatte nur noch wenige Monate Vertrag und wusste, dass es schwierig für mich wird, mich gegen diese Spieler zu beweisen. Ich meine, mein Konkurrent hieß Alexandre Lacazette. Also habe ich mich entschieden nach Zürich zu wechseln.
Glaubst du, dass alles ohne diese Knieverletzung anders gelaufen wäre?
Anders, auf jeden Fall. Ich habe durch die Verletzung auch die Partien in der Youth League verpasst. Das ist die Nachwuchs-Champions League. Da kannst du dich zeigen, das ist eine Top-Vitirine. Das kann dir sicher helfen, um dein Talent anderen zu beweisen. Aber vielleicht auch nicht. Im Fußball du weißt nie. Vielleicht hätte ich auch schlecht gespielt.
Später ging es für dich nach Halle und Jena. Dann kam die Vereinslosigkeit und eine unruhige Zeit in der Slowakei.
Ich war nach dem Abstieg mit dem FC Carl Zeiss Jena in die Regionalliga ein halbes Jahr vereinslos. Ich hatte Angebote, aber ich wollte die richtige Entscheidung treffen und mir nicht das Erstbeste greifen. Als die deutschen Investoren vom FC Nitra angerufen haben, klang das sofort gut. Ein Team aus einer 1. Liga in Europa, viele Deutsche und ein Top-Stadion. Ich habe nicht einmal überlegt, dass so etwas passieren kann.
Was geschah dann?
Die Investoren waren zu 100 Prozent dabei im Verein. Sie wollten etwas bewegen und aufbauen. Aber sie mussten nach ein paar Monaten wieder gehen. Von da an gab es viele Schulden im Verein und es wurde kompliziert.
Du hast es vor kurzem so zusammengefasst: „Schlechte Erfahrungen und kein Geld“. Wie hast du diese Zeit erlebt?
Wenn ich wenigstens gespielt hätte, wäre es noch ok gewesen. Aber ich hatte eine kleine Verletzung und habe vom Verein keine Physiotherapie mehr bekommen. Das war die schlechteste Situation, die ich haben konnte. Ich konnte mich nicht beweisen und für andere Vereine präsentieren. Ich saß in der Slowakei, ohne Geld und ohne Perspektive. Das war eine kritische Situation.
Du bist jung, in einem Land, dessen Sprache du nicht sprichst. War Zukunftsangst ein Thema?
Ich habe keine Angst gehabt.
Ehrlich nicht?
Ich hatte eine Nachbarin, die mir in dieser Zeit unheimlich viel geholfen hat. Ich konnte mich jederzeit bei ihr melden. Sie hat mir auf eigene Faust Physiotherapie organisiert und mir gesagt, dass ich bei ihr wohnen kann, wenn ich kein Geld mehr habe. Mein einziges Problem war, dass ich keine Spielpraxis bekam. Dabei konnte auch sie mir nicht helfen. Aber ich habe keine Angst gehabt.
Weil du wusstest, dass es nicht nur dir so erging? Es waren ja viele weitere Spieler aus Deutschland dabei? Hat es dir geholfen, dass du wusstest, dass es allen so ging?
Ja und nein. Die anderen haben alle gespielt und konnten sich zeigen für andere Vereine. Aber ich war von allen der Einzige, der immer positiv geblieben ist. Wenn ich jeden Tag einen schlechten Mut gehabt hätte, wären wir alle in eine Depression verfallen. Ich hatte immer positive Energie. Damit habe ich meine Jungs nach oben gezogen.
Woher nimmst du diese Kraft?
Während dieser Corona-Zeit hat sich mein Glaube an Gott verstärkt und meine Sicht auf Fußball und das Leben verändert. Ich bin immer positiv, glaube an Gott und dass er einen Plan für mich und mein Leben hat. Deshalb bin ich immer ruhig geblieben. Für die anderen in der Slowakei war ich deshalb ein Beispiel. Ich habe jeden Tag Freunde eingeladen, für sie gekocht, mit ihnen Karten gespielt oder nur Fußball geguckt. Die Zeit war kompliziert. Ich glaube, ohne meinen Bezug zu Gott hätte ich nicht mehr so sehr Bock auf Fußball, wie jetzt. Das hat mir tausend Prozent geholfen.
Dein Glaube an Gott scheint sehr wichtig zu sein.
Während meiner vereinslosen Zeit hat meine Karriere einen Stopp gemacht. Aber meine Beziehung mit Jesus machte einen Sprung nach vorne. Ich habe vor zwei Monaten meine Taufe nochmal gemacht und habe viele Freunde, die auch gläubig sind. Wir treffen uns online zu gemeinsamen Bibelstunden. Letztens haben wir über Zoom zwei bis drei Stunden eine Videokonferenz gemacht. Einer sitzt in Aserbaidschan, einer in Kasachstan, der andere hier in Chemnitz und wir sprechen über dasselbe Thema. Das ist doch toll. Wir sind quasi „Jesus Team Footballclub“.
Gehst du auch in die Kirche?
Ich gehe in Genf ab und zu in die Kirche. Aber während Corona hat sich auch hier vieles entwickelt. Ich kann mir die Gottesdienste digital im Internet anschauen.
Jetzt bist du in Chemnitz. Vierte Liga in Deutschland. Wie ist dein erster Eindruck?
Absolut Top! Das ist auch ein Grund, weshalb ich nach Chemnitz gewechselt bin. Wenn ich das Stadion oder die Trainingsplätze sehe, ist das Profi-Fußball. Der komplette Verein gehört nicht in die Regionalliga. Hier macht niemand etwas mit halber Kraft. Der erste Eindruck ist richtig professionell.
Einen Herren kennst du schon ein bisschen länger.
Ich habe mit Christian Tiffert zusammen in Halle gespielt. Ich habe das Gefühl, er ist immer noch dieselbe Person. Beim HFC haben wir in der Kabine nebeneinander gesessen. Seine Zeit in Halle war nicht so glücklich, weil er nicht so oft gespielt hat. Er war trotzdem immer nett und hat sich reingehangen. Wenn wir im Training Flanken gespielt haben, war er so stark. Egal, ob mit links oder mit rechts. Man hat gemerkt, dass er nicht von unserem Niveau kommt. Man hat damals schon gespürt, dass er mal Trainer werden wird.
Was sind deine Ziele?
Ich habe das Ziel wieder höherklassig zuspielen. Dafür, dass es mit dem CFC gelingt, werde ich alles geben.
Was sind deine Stärken. Was bist du für ein Stürmertyp?
Ich bin keine richtige Neun, eher eine Neuneinhalb. Ich kann nicht nur vorne stehen, wie eine Mauer und auf den Ball warten. Ich will ein bisschen frei sein, entgegenkommen, bisschen links gehen, bisschen rechts. Ich bin groß, habe aber eine gute Technik und Schnelligkeit mit dem Ball. Das passt perfekt mit der Philosophie des Trainerteams zusammen. Auch das ist ein Grund, weshalb ich hier bin.
Kilian, ganz viel Erfolg beim Chemnitzer FC und vielen Dank für das Interview.
Das Interview ist im ClubMagazin 538 zum Heimspiel gegen den FSV Union Fürstenwalde erschienen.



