"Ich traute mich kaum noch hinzuschauen!" Als der FCK ganz Belgien ins Staunen versetzte
Als erste DDR-Mannschaft spielt der FC Karl-Marx-Stadt vor 55 Jahren in Belgien. Nach dem enttäuschenden Hinspiel zuhause bringen Erler, Lienemann & Co. plötzlich ein Team voller Weltstars ins Wanken. Eine Geschichte über eine der größten Nächte des Chemnitzer Fußballs.
Von Ulli Ludwig
Anderlecht. 18. Oktober 1967. Kurz vor Mitternacht. Horst Scherbaum, Trainer des FC-Karl-Marx Stadt, steht neben Sportreporter Günter Simon. "Unsere läuferische Fleißarbeit wurde nicht in Torgefährlichkeit umgesetzt, Überraschungseffekte blieben aus", sagt der 42-jährige Fußballlehrer. Dem FCK war vor wenigen Augenblicken die große Chance auf eine Fußball-Sensation durch die Finger geronnen. Als erstes DDR-Team auf belgischem Rasen bot der FCK dem 13-maligen belgischen Meister RSC Anderlecht einen großen Kampf um den Einzug ins Achtelfinale des Europapokals der Landesmeister. Das Kunststück scheiterte am Ende an mangelnder Chancenverwertung und den abgezockten belgischen Stürmern.
Denkt man heute, 55 Jahre später, über die Europapokal-Zeit des FC Karl-Marx-Stadt nach, kommt man eigentlich aus dem Staunen nicht mehr heraus. In jener Zeit zogen im Schnitt 20.000 Menschen ins Ernst-Thälmann-Stadion. Lok, Zwickau, Dynamo, Jena, Union, Aue – alle blieben sie hinter dem FCK. Und mit Dieter Erler spielte der beste Spieler der DDR im himmelblau-weißen Trikot.
Die DDR-Meisterschaft brachte damals ein Ticket für den Europapokal der Landesmeister mit sich. Heute nennt man diesen Wettbewerb Champions League. Der FCK tummelte sich damals unter Teams wie Real Madrid, Ajax Amsterdam, Benfica Lissabon, Juventus oder dem späteren Europapokalsieger Manchester United. Karl-Marx-Städter Jungs im direkten Duell mit Johan Cruyff, Eusebio und Bobby Charlton. Heute unvorstellbar.
Im September vor 55 Jahren strömten 45.000 Fußballfans ins Ernst-Thälmann-Stadion. Sie alle wollten diese Karl-Marx-Städter Jungs sehen. Und obendrein die Superstars des Royal Sporting Club wie Paul van Himst - Belgiens bester Fußballer aller Zeiten - oder Jan Mulder, der später mit Ajax den Europapokal der Landesmeister holte. Tickets gabs damals im Zigarrengeschäft Wunderlich am Markt oder am Kiosk Zingler an der Haltestelle Margaretenstraße und kosteten zehn Mark. Studenten und Rentner zahlten zwei, Kinder eine. Zur Einstimmung auf die Partie spielten die Junioren des FCK gegen den FC Lok Leipzig vor. Die himmelblau-weißen Männer konnten die Erwartungen gegen Anderlecht aber nicht erfüllen.
"Da sind wir taktisch ins Messer gelaufen", sagt FCK-Stürmer Manfred Lienemann 55 Jahre später gegenüber dem ClubMagazin: "Anderlecht war für uns unbekannt. Sie waren nicht unbedingt besser als wir. Sie waren einfach besser vorbereitet." Karl-Marx-Stadt geht zuhause mit 1:3 (0:3) gegen Anderlecht baden. Hauptgrund war die noch nicht so bekannte Viererkette und die Doppelspitze im Sturm der Belgier. Im Rückspiel waren Scherbaum und seine Schützlinge besser darauf vorbereitet.
Beifall im Astrid-Park
"Anderlecht unterschätzte den Gegner nicht", schrieb Sportreporter Günter Simon in der Fußballwoche vom 24. Oktober '67. Der RSC zog sich in Vorbereitung auf das Rückspiel gegen Karl-Marx-Stadt sogar in das kleine Städtchen Huisingen zurück, um sich für das Weiterkommen zu rüsten. "Der ganze Komplex des mitten in einem Häusermeer eingebetteten Versè-Stadions, 1908 gebaut und in den folgenden Jahrzehnten mit drei überdachten Tribünen und vier Flutlichtmasten mit je 30 Scheinwerfern mustergültig hergerichtet, atmete englische Atmosphäre", schrieb Simon. Musikkapellen sorgten für die nötige Hochstimmung auf den Rängen. Über die Zeit bringen konnte diese nach Anpfiff der Partie aber niemand mehr.
Karl-Marx-Stadt überrumpelte die Belgier. "Unser Gegner war gegenüber dem Hinspiel wie ausgewechselt", sagte Anderlecht-Präsident Albert Roosens später. Dieter Erler, Manfred Lienemann und Eberhard Vogel legten mustergültig für Eberhard Schuster auf. Sein Kopfball in der 10. Minute brachte die belgischen Fans zum Schweigen. Der FCK hatte anschließend zahlreiche Chancen, das Hinspiel-Ergebnis zu egalisieren. Immer wieder brachen Rüdrich, Schuster und Steinmann durch das belgische Abwehrbollwerk hindurch. "Ich weiß nicht, was mit unserer Abwehr los war, ich traute mich in diesen Situationen kaum noch hinzuschauen", sagte Anderlecht-Sekretär Eugen Steppe. Nur die Genauigkeit beim letzten Pass fehlte den Deutschen.
Anderlecht wachte nach einer halben Stunde kurzzeitig auf und drehte den Spieß um. Bergholtz (32.) und Van Himst (37.) trafen ins FCK-Herz. Schiedsrichter Ortiz de Mendibil, der damals ebenfalls seine Meinung zum Spiel abgeben durfte, schätzte das Spiel so ein: "Die Belgier waren routinierter, klüger am Ball – Karl-Marx-Stadt gab ihn zu oft kampflos preis."
So verflog der himmelblau-weiße Sturmlauf noch in der ersten Halbzeit und das Stadion beruhigte sich wieder. Anderlecht zog souverän in die nächste Runde ein und Günter Simon schrieb später in seinem Kommentar über den "herzlichen" Beifall der rund 35.000 belgischen Zuschauer für den starken Auftritt der Karl-Marx-Städter. Eine Nacht, die in Erinnerung bleibt, weil es der letzte große Europapokalabend des FCK für lange Zeit sein sollte.
Schema zum Spiel
RSC Anderlecht Brüssel - FC Karl-Marx-Stadt 2:1 (2:1)
Anderlecht (lila-weiß): Vukasovic, Heylens, Hanon, Plaskie, Cornelis, Vandenberg, Kialunda, Bergholtz, Devriendt, Van Himst, Puis; Trainer: Beres.
Karl-Marx-Stadt (weiß-hellblau): Gröper, A.Müller, Rüdrich, Feister, Kreul, P. Müller, Steinmann, Erler, Schuster, Lienemann, Vogel; Trainer: Scherbaum.
Schiedsrichterkollektiv: Ortiz de Mendibil, Barrenechea, Cardos (alle Spanien); Zuschauer: 35 000 im Emil-Versé-Stadion des Anderlechter Astrid-Parks unter Flutlicht.
Tore: 0:1 Schuster (10.), 1:1 Bergholtz (32.), 2:1 Van Himst (37.)



