Interview mit CFC Cheftrainer Gerd Schädlich
Rückkehr, Herausforderung und große Ziele bei den Himmelblauen
Seit 1. Juli ist Gerd Schädlich der Chefcoach der Himmelblauen. Nie hat eine Trainerverpflichtung beim Chemnitzer FC in Fankreisen für derartigen Wirbel gesorgt. CFC-Fanbeauftragte und Redakteurin des Vereinsjournals Peggy Schellenberger führte mit dem 55jährigen Fußballlehrer das folgende Gespräch:
Peggy Schellenberger: Sie sind nun seit gut zwei Wochen Chef-Coach bei den Himmelblauen. Wie groß war die Freude, nach sieben Monaten Pause wieder ein Traineramt zu begleiten?
Gerd Schädlich: Eigentlich sah meine persönliche Planung ganz anders aus. Ich wollte nach so langer Tätigkeit bis Weihnachten pausieren. Doch Christoph Franke ließ sich nicht umstimmen noch ein Weilchen weiter zu machen. Als die Sache mit dem CFC immer konkreter wurde, wuchs natürlich die Vorfreude, hier als Trainer arbeiten zu können. Ich gebe zu, positiv angespannt gewesen zu sein, diese Mannschaft übernehmen zu dürfen.
Peggy Schellenberger: Sie waren aufgrund Ihrer Erfahrungen und erreichten Erfolge sicher auch interessant für höherklassige Vereine. Warum fiel die Entscheidung für Chemnitz?
Gerd Schädlich: Es gab von anderen Vereinen nur lose Anfragen, nichts Konkretes. Die Bemühungen des CFC, besonders von Christoph Franke und Manfred Kupferschmied, waren sehr intensiv. Ich bin ein bodenständiger Mensch und wollte auf alle Fälle in Sachsen bleiben. Chemnitz ist seit 40 Jahren meine Heimat, sodass ich nicht allzu lange nachdenken musste.
Peggy Schellenberger: Es war Christoph Franke´s ausdrücklicher Wunsch, dass Sie als langjähriger Kollege und Freund seine Nachfolge antreten. Was verbindet Sie Beide?
Gerd Schädlich: Ich kenne ihn seit 1968. Als ich damals als 16-Jähriger zum FCK kam, war Christoph Franke 24 Jahre alt und einer der Vorbilder im Oberligateam. Von ihm konnte man sich viel abschauen. Wir haben auch einige Jahre zusammen in der Mannschaft gespielt und sind gute Freunde geworden. Da wir beide eine Trainerlaufbahn eingeschlagen haben, konnten wir uns immer austauschen. Für mich ist und bleibt er eine enge Bezugsperson und einer meiner besten Kumpels. Ich bin ehrlich, dass er mich als Nachfolger wollte, macht mich ziemlich stolz.
Peggy Schellenberger: Sie spielten zwischen 1968 und 1978 für den FC Karl-Marx-Stadt, feierten hier im Jahr 1972 Ihr Debüt im Männerbereich. Was ist vom damaligen FCK in Erinnerung geblieben?
Gerd Schädlich: Ich habe insgesamt nur 25 DDR-Oberligaspiele bestritten, und die waren alle beim FCK. Damals war ich unendlich stolz, von meinem Heimatverein TSG Rodewisch zur Kinder- und Jugendsportschule nach Karl-Marx-Stadt zu wechseln. Ich habe sehr viele Erinnerungen an meine aktive Zeit, besonders an die Heimspiele, zu denen meist mehr als 10.000 Leute kamen. 1973 haben wir knapp die Qualifikation für den UEFA-Cup verpasst, ansonsten war die Zeit zwar schön, aber eher erfolglos. Beim FCK habe ich aufgrund einer schweren Knieverletzung auch meine Karriere beenden müssen.
Peggy Schellenberger: Schon in der Vergangenheit gab es Anläufe, Sie als Trainer beim CFC zu verpflichten. Woran ist das gescheitert?
Gerd Schädlich: Es gab seit 1997 drei ernsthafte Versuche, mich zum CFC zu holen. Das ist immer aus verschiedenen Gründen gescheitert. Ich hatte auch immer einen Vertrag, aus dem ich nicht so einfach herausgekommen wäre. Der letzte gescheiterte Anlauf war unter Präsident Lutz Waszik vor sechs Jahren. Damals war ich in Aue Trainer und auf dem Weg in die zweite Bundesliga. Das wollte ich unbedingt packen.
Peggy Schellenberger: Sie waren über acht Jahre lang Trainer in der Stadt, deren drei Buchstaben viele CFC-Fans nicht zusammenhängend aussprechen. Wie präsent war für Sie in dieser langen Zeit die Antipathie der Fans zwischen dem FC Erzgebirge Aue und dem CFC?
Gerd Schädlich: Als Trainer bekommt man das selbstverständlich mit, aber ich habe es nie überbewertet. Die Derbys waren für mich als Spieler immer etwas ganz besonderes. Eine gewisse Rivalität gehört doch dazu, die Sprechchöre sind völlig normal. Solange es verbal bleibt, stört es mich nicht. Jeder Verein hat mindestens einen Gegner, den er nicht leiden kann. Und wenn die CFC-Fans eben etwas gegen Aue singen möchten, oder umgedreht in Aue gegen Chemnitz gebrüllt wird, dann werde ich zwar nicht mit einstimmen, es aber auch nicht persönlich nehmen.
Peggy Schellenberger: Gibt es ein Derby zwischen beiden Vereinen, an das Sie sich besonders lebhaft erinnern?
Gerd Schädlich: Als ehemaliger FCK-Spieler ist unser 4:0-Heimsieg gegen Aue im Frühjahr 1973 in bester Erinnerung, besonders die gigantische Stimmung auf der Fischerwiese. Damals stand bei Wismut Aue noch Manfred Fuchs im Tor. Als Trainer habe ich vier Derbys miterlebt. Ziemlich deprimierend war 2001 das 0:3 gegen Chemnitz. Vor gut fünf Jahren hat dann Aue zuhause mit 3:0 gewonnen. Das wurde von den Fans natürlich groß gefeiert.
Peggy Schellenberger: Gab es seit Ihrer Verpflichtung in Chemnitz Kontakt zu Fans des FCE und wie waren deren Reaktionen?
Gerd Schädlich: Ich war seit meinem Rücktritt nicht mehr im Stadion in Aue, sodass sich die direkten Kontakte zu den Fans in Grenzen gehalten haben. Sicherlich waren die Meinungen sehr gespalten, und ich habe auch so manchen Spruch geerntet. Aber ich bin Fußballtrainer und möchte nicht aufs Arbeitsamt gehen. Jeder Fan weiß, dass ein Trainer nicht 20 Jahre bei ein und demselben Verein bleibt, egal wie groß die Sympathien sind. Fußball ist sehr schnelllebig, und beim FCE ist nun mittlerweile schon der zweit Trainer nach mir im Amt. Ich muss sicher keine Gewissensbisse haben, da ich in diesem Verein achteinhalb Jahre lang gute Arbeit geleistet habe.
Peggy Schellenberger: Nie hat eine Trainerverpflichtung in Chemnitz unter den Fans für derart heftige Reaktionen unter den Anhängern gesorgt. Haben Sie das verfolgt?
Gerd Schädlich: Nachdem alles perfekt gemacht war, bin ich mit meiner Frau wie geplant im Urlaub auf Madeira gewesen und habe live von den Reaktionen nix mitbekommen. Es war mir aber klar, dass darüber heiß diskutiert wird und nicht jeder mit meiner Personalie einverstanden ist. Erst als wir wieder zuhause waren, haben wir nachträglich die Zeitungen studiert. Es war nichts Überraschendes dabei.
Peggy Schellenberger: Wie haben Sie nach Ihrem Urlaub die Wochen bis Amtsantritt verbracht?
Gerd Schädlich: Es gab gleich nach meiner Rückkehr sehr viele Gespräche mit Christoph Franke, Manfred Kupferschmied, Torsten Bittermann und Dr. Mathias Hänel. Ich hatte viel Zeit, mich gedanklich auf die Arbeit beim CFC vorzubereiten, mit den Verantwortlichen die sportliche Situation zu analysieren und gewissenhaft die Vorbereitung auf die Regionalliga zu planen. Und aufgrund der Bemühungen des CFC noch vor dem Saisonende hab ich auch einige Heimspiele mit einer gewissen Weitsicht und Vorfreude beobachtet.
Peggy Schellenberger: Waren Sie auch bei der Fußball-Europameisterschaft?
Gerd Schädlich: Ja. Ich hatte das Glück, ein paar Tage beim Training der Spanier hospitieren zu können. Man kann so viel lernen von dieser Mannschaft und sich die eine oder andere Trainingsform abschauen. Und ich habe mich sogar richtig jung gefühlt, denn Trainer Luis Aragonés ist mit seinen 69 über 14 Jahre älter als ich.
Peggy Schellenberger: Nun sind Sie seit zwei Wochen im Amt, hatten auch schon Kontakt zu den CFC-Fans. Noch immer scheinen einige Anhänger etwas reserviert zu sein. Wie gehen Sie damit um?
Gerd Schädlich: Alles Neue wird kritisch beäugt. Wie gesagt, ich sehe es als Rückkehr zu meinem ehemaligen Verein, ich wohne seit ´zig Jahren in Chemnitz und möchte einfach meinen Beruf ausüben. Bisher habe ich nur positive Kontakte zu den Anhängern gehabt. Natürlich bin ich bereit, in passendem Rahmen mit den Fans zu reden. Schnell wird Jeder merken, dass wir alle das Gleiche wollen – nämlich eine gute Rolle in der neuen Regionalliga spielen. Und das geht nun mal nur, wenn man gemeinsam an einem Strang zieht.
Peggy Schellenberger: Schon einmal standen Sie bei den Fans unter ganz besonderer Beobachtung – als sie 1999 als ehemaliger Trainer des FSV Zwickau nach Aue gingen. Wie lange hat das Umdenken bei den Fans gedauert?
Gerd Schädlich: Am Anfang wurde das ähnlich wie hier in Chemnitz diskutiert, mit dem Unterschied, dass ich als Trainer in Aue erst drei Jahre nach meiner Entlassung angefangen habe und Zwickau in dieser Zeit aus der zweiten Liga abstieg. 1999 stand Aue sportlich zwar besser da, war und ist aber nun mal der größte Erzfeind des FSV Zwickau. Ziemlich schnell hatten wir Erfolg, erreichten die Qualifikation für die neue Regionalliga und schafften schließlich den Zweitligaaufstieg, sodass dann auch die letzten Kritiker ruhig wurden.
Peggy Schellenberger: Noch etwas verschärfter fielen kürzlich die Reaktionen aus, als die Verpflichtung von Jörg Emmerich bekannt gegeben wurde. Er war jahrelang Kapitän in Aue – das ist für einige Fans eine harte Kost.
Gerd Schädlich: Er war Kapitän eines Zweitligisten, der uns jetzt in der Regionalliga mit seiner Erfahrung wirklich weiterhelfen kann. Wir sind glücklich, dass er sich dieser Herausforderung stellt und wir ihn überzeugen konnten. Es gibt auf dem Transfermarkt nicht viele ehemalige Zweitligaspieler mit entsprechender Qualität, die in die vierte Liga nach Chemnitz wechseln würden. Jörg Emmerich hat sich bestens beim CFC integriert, und die jungen Spieler nehmen gern seine Tipps an. Ich bin mir sicher, dass er eine wichtige Stütze ist.
Peggy Schellenberger: Nach den ersten Einheiten und Testspielen haben Sie nun einen Gesamtüberblick über die sportliche Qualität unserer Mannschaft. Wie fällt Ihr Urteil aus?
Gerd Schädlich: Es wurde in Chemnitz vor zwei Jahren eine sehr junge Mannschaft in die Oberliga geschickt, die sich von Spiel zu Spiel weiterentwickelt hat und in der viel Potenzial steckt. Die Zusammensetzung des Kaders passt auch vom Menschlichen sehr gut. Wir wollten das Team unbedingt durch zwei drei erfahrene Spieler verstärken, um den jungen Leuten noch mehr Rückendeckung zu geben. Bei den Spielern, die von den A-Junioren kommen, sieht man die solide und gute Ausbildung. Sie müssen sich nun beweisen und sich von einem Talent im Nachwuchsbereich zu einem Regionalligaspieler bei den Männern entwickeln.
Peggy Schellenberger: Und wie sind Ihre Eindrücke über den Verein und seine Strukturen?
Gerd Schädlich: Mit den vorherrschenden Strukturen, dem Nachwuchs-Leistungszentrum und besonders der Eliteschule kann sich der CFC glücklich schätzen. Der Verein hat das Potenzial, wieder weiter nach oben zu kommen. Viele aktuelle Regionalligisten träumen von derartigen Bedingungen, wie sie hier vorherrschen. Ich hätte diesen Job nie angetreten, wenn ich nicht überzeugt wäre, mit dem CFC etwas erreichen zu können.
Peggy Schellenberger: Als Trainer haben Sie mit Zwickau und Aue zwei regionale Teams in die zweite Liga geführt. Wie lautet denn das mittelfristige Ziel in Chemnitz?
Gerd Schädlich: Eindeutiges Ziel des CFC ist es, im bezahlten Fußball zu spielen. Wir sind uns bewusst, dass Mannschaften wie Magdeburg, Halle, Leipzig oder Kiel Ähnliches vorhaben und auch wirtschaftliche Rückendeckung eine erhebliche Rolle spielen wird.
Gerd Schädlich – Zur Person
Spitzname: Schäde
Geboren: 30.12.1952 in Rodewisch
Familienstand: verheiratet seit 1975
Kinder: 1 Tochter Sandra
Wohnort: Chemnitz
Beruf: Fußballlehrer
Hobbies: Gartenarbeit und Spaziergänge mit meiner Frau
Erster Fußballverein: TSG Rodewisch
Beim FCK: von 1968-1978 (Spieler) und 1985/86 (Trainer II. Mannschaft)
Oberligaspiele beim FCK: 25
Tore: 1
Erstes OL-Spiel: 17.03.1972 (0:2 gg. BFC Dynamo)
Letztes OL-Spiel: 02.03.1976 (0:0 gg. Stahl Riesa)
Trainerstationen: BSG Motor Scharfenstein (1978 bis 1981)
Traktor Niederwiesa (1981)
<link http: de.wikipedia.org wiki fsv_krumhermersdorf>BSG Aufbau Krumhermersdorf (1982 bis 1985)
FC Karl-Marx-Stadt II (1985 bis 1986)
BSG Aktivist Schwarze Pumpe (1986 bis 1987)
dkk Krumhermersdorf (1987 bis 1990)
<link http: de.wikipedia.org wiki tsv_stahl_riesa>BSG Stahl Riesa (1990)
<link http: de.wikipedia.org wiki fsv_zwickau>FSV Zwickau (1.1.1991 bis 11.12.1996)
<link http: de.wikipedia.org wiki fc_sachsen_leipzig>FC Sachsen Leipzig (10.6.1997 bis 4.9.1997)
<link http: de.wikipedia.org wiki fc_lausitz_hoyerswerda>FSV Hoyerswerda (1.7.1998 bis 30.7.1999)
<link http: de.wikipedia.org wiki fc_erzgebirge_aue>FC Erzgebirge Aue (1.7.999 bis 17.12.2007)
<link http: de.wikipedia.org wiki chemnitzer_fc>Chemnitzer FC (ab 1.7.2008)
Erfolge als Trainer: Aufstieg in die 2. Liga mit dem FSV Zwickau (1994)
Aufstieg in die 2. Liga mit FC Erzgebirge Aue (2003)



