Zurück zur Übersicht

10.08.2024 - 10.29 Uhr | 1. Mannschaft

Interview mit Raiko Richter: "Gerd hat Besonderes für die Region geleistet"

Vor dem Bezirksderby gegen den FSV Zwickau am Sonntag (Anstoß: 13 Uhr, hier geht's zum Ticket!) haben wir uns mit Raiko Richter, dem Sportchef des MDR, zum Interview verabredet. Der 49-Jährige, geboren in Bad Schlema und aufgewachsen in Karl-Marx-Stadt, arbeitet seit 1998 beim MDR und hat seit Kindertagen ein großes Herz für den Fußball in der Region.

Im Gespräch mit uns erinnert sich Raiko Richter an Trainerlegende Gerd Schädlich, der 2022 verstarb und bei den großen westsächsischen Fußballvereinen tiefe Spuren hinterlassen hat. Wir sprachen über die Ungerechtigkeit der Regionalliga-Aufstiegsregel, die aktuellen Diskussionen zu Anstoßzeiten und erfuhren, warum Schädlich ihn bei ihrer ersten Begegnung mürrisch abblitzen ließ – und wie sich über die Jahre ein vertrauensvolles Verhältnis entwickelte.

Raiko, für alle, die Gerd Schädlich nicht persönlich kennenlernen konnten: Was war er für ein Mensch?

Richter: Wir haben nach seinem Tod eine 90-minütige Dokumentation über ihn im MDR veröffentlicht, die den Titel "Der Geradlinige" trägt. Genau das war er: geradlinig und direkt. Diese Direktheit mag nicht jedem gefallen, aber sie war im Umgang miteinander einfach wohltuend. Bei Gerd wusste jeder, woran er war.

Wann bist du ihm zum ersten Mal begegnet?

Richter: Das war 1999, als ich Praktikant beim MDR war. Es handelte sich um ein Relegationsspiel zur Regionalliga, bei dem Hoyerswerda knapp den Aufstieg verpasste. Ich sollte das Interview mit Gerd Schädlich nach der schmerzhaften Niederlage führen, lief in kurzer Hose und unbedarft auf ihn zu. Er schaute mich mürrisch an und dachte wohl, was der MDR hier für einen "Jungpionier" geschickt hat. Er ließ mich dann einfach abblitzen – keine Liebe auf den ersten Blick, zumindest nicht von seiner Seite.

Wie hat sich dann der enge Draht zwischen euch entwickelt?

Richter: Gerd gehörte zu einer Trainergeneration, die oft mit Reportern fremdelte. Als ich Jahre später beim MDR etabliert war, merkte er, dass ich echtes Interesse an seiner Arbeit hatte. Im persönlichen Kontakt taute er zunehmend auf, behielt jedoch stets eine gewisse Distanz.

Welche Bedeutung hatte Gerd Schädlich für die Fußball-Region Westsachsen?

Richter: Er hat Besonderes für die Region geleistet. Bei allen drei großen westsächsischen Vereinen, die nicht unbedingt in tiefer Freundschaft verbunden sind, erfolgreich zu sein, ist eine große Leistung. Seine längste Zeit als Trainer verbrachte er in Aue, wo er über viele Jahre kontinuierlich etwas aufgebaut hat. Besonders beeindruckend war seine Zeit beim FSV Zwickau in den 1990er Jahren, als er unter extrem schwierigen Bedingungen fast in die Bundesliga aufstiegen ist. Auch der Drittliga-Aufstieg 2011 mit dem CFC, seinem Heimatverein, war ein Höhepunkt zum Abschluss seiner Trainerkarriere.

Was bleibt von Gerd Schädlich?

Richter: Gerd war hart zu sich selbst. Besonders in Erinnerung bleibt mir sein tiefsinniger Humor. Er repräsentierte eine Generation, die sich ständig neu erfinden musste. Im Osten gab es keine Komfortzone – kaum hatte sich die Nachkriegsgeneration in der DDR etwas aufgebaut, begann mit der Wende alles wieder von vorn. Die Lebensleistung dieser Generation wird im vereinten Deutschland oft ignoriert. Sie mussten ein Leben lang kämpfen, um Respekt und Anerkennung zu erlangen. Das hat diese Menschen tief geprägt.

Nach Gerd Schädlichs Abschied als Trainer 2013 begann eine turbulente Zeit in Chemnitz. Ihr habt den Neustart 2023 mit einer MDR-Dokumentation begleitet. Wie bewertest du diese?

Richter: Die Erstausstrahlung von "Mit himmelblauem Herz – der Neustart des Chemnitzer FC" nach dem Eröffnungsspiel gegen Halle erreichte zu später Stunde im linearen Fernsehen 140.000 Zuschauer in der Spitze. Und auch in der ARD Mediathek läuft die Doku erfolgreich.

Wie läuft der gleichnamige Podcast?

Richter: Auch zum Podcast, von dem gerade die dritte Folge erschienen ist, habe ich viel positives Feedback erhalten. Viele meiner Jugendfreunde, die dem CFC bis heute verbunden sind, schätzen die tiefen Einblicke. Die Doku und der Podcast zeigen ungeschönt, dass engagierte Menschen mit Herzblut daran arbeiten, den Club in die richtige Richtung zu führen.

Wie hat sich dein Blick auf den CFC durch die Doku verändert?

Richter: Der Verein scheint ernsthaft neue Wege zu gehen. Der CFC packt endlich die großen Probleme an und versucht, etwas nachhaltig aufzubauen, ohne sich finanziell zu übernehmen. Ich hoffe, dass der Club mit Geschäftsführer Uwe Hildebrand, Geschäftsstellenleiter Tommy Haeder, Sportdirektor Chris Löwe und Cheftrainer Christian Tiffert auf Kontinuität setzt und auch bei Rückschlägen geduldig bleibt. Dann kann der Verein langfristig wieder erfolgreich sein.

Ist eine Fortsetzung der Doku denkbar?

Richter: Derzeit ist noch keine Entscheidung gefallen. Ich werde bald mit Filmemacher Peer Vorderwülbecke, meinem Team und den Verantwortlichen im MDR über eine mögliche Fortsetzung sprechen. Wir beobachten die sportliche Entwicklung des CFC genau und berücksichtigen bei unseren Überlegungen auch, dass Chemnitz 2025 Kulturhauptstadt Europas wird. Ob es zu einer Fortsetzung kommt, ist derzeit allerdings noch offen.

Was ist der Reiz für den MDR an der Regionalliga?

Richter: Diese starke Regionalliga, die zahlreiche Traditionsvereine umfasst, bildet das Fundament unserer Fußball-Region, was sich auch in unseren Einschaltquoten widerspiegelt. Leider sprechen wir von der 4. Liga statt von der 2. Bundesliga, was aus ostdeutscher Sicht bedauerlich ist. Seit der Wende hat der Fußball-Osten große wirtschaftliche und strukturelle Herausforderungen bewältigen müssen, die bis heute nachwirken. Das Fehlen großer Unternehmen vor Ort, die den Sport unterstützen könnten, erschwert es, den Rückstand zum Rest der Republik, der weniger Umbrüche erlebt hat, aufzuholen.

Wie erlebst du die aktuellen Diskussionen rund um die Anstoßzeiten, die die Fanszenen der Traditionsvereine in der Regionalliga angestoßen haben?

Richter: Als Fußballfan weiß ich, wie wichtig Anstoßzeiten für die Anreise sind. Seit zehn Jahren beschäftige ich mich nun beruflich beim MDR intensiv mit diesen Fragen. Die Entscheidung über die Anstoßzeiten trifft jedoch der Verband. Ich bin überzeugt, dass Live-Übertragungen eher keine Zuschauer aus dem Stadion ziehen, sondern umgekehrt. Für Regionalligisten bietet das öffentlich-rechtliche Fernsehen des MDR mit bis zu 400.000 TV-Zuschauern eine große Bühne, um sich, ihre Fans und Sponsoren ins Rampenlicht zu stellen. Das sollte man bei der ganzen Diskussion nicht vergessen.

Die Diskussion hat sich insbesondere an der Ansetzung des Thüringenderbys am 4. September um 17 Uhr entzündet.

Richter: Ich verstehe die Kritik an der Anstoßzeit, da sie aus Sicht der Stadionbesucher unattraktiv ist. Ursprünglich war das Spiel für das Wochenende der Landtagswahl angesetzt, was unglücklich war. Die endgültige Anstoßzeit am Mittwoch um 17 Uhr wurde als Kompromiss gewählt, um verschiedene Interessen zu berücksichtigen.

Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Richter: Die Terminierung von Spielen ist komplex und berücksichtigt viele Faktoren wie die Bedürfnisse von Verband, Vereinen, Polizei, Sendern und das Reiseverhalten der Fans. Bei der Neuterminierung musste nicht nur ein freier Sendeplatz gefunden, sondern auch das Abreiseverhalten der Fans beachtet werden. Bei einem Derby wollte man vermeiden, dass Zuschauer im Dunkeln das Stadion verlassen. Es ist schwierig, alle Interessen unter einen Hut zu bringen.

Seit Jahren mahnen die Traditionsvereine die Ungerechtigkeit der derzeitigen Aufstiegsregelung in der Regionalliga an. Wie siehst du das als Sportjournalist?

Richter: Die Diskussion hängt oft von der Betroffenheit der jeweiligen Vereine ab. Ich habe erlebt, wie aktuelle Regionalligisten früher als Drittligisten vehement gegen den fünften Abstiegsplatz in der 3. Liga gekämpft haben. Für mich ist die Antwort einfach: Meister müssen aufsteigen! Alles andere widerspricht dem Geist des fairen Wettbewerbs.

Bisher sind alle Bemühungen um Veränderungen gescheitert. Wie kann das Thema neu angeschoben werden?

Richter: Hier sind auch wir als Medien gefordert. Die ostdeutschen Traditionsvereine sollten zudem eine gemeinsame Position entwickeln. Die jetzige Regelung ist ein fauler Kompromiss und niemand ist wirklich zufrieden damit. Hier muss sich endlich etwas bewegen, denn es wird schon viel zu lange darüber geredet.

Was kann der NOFV tun?

Richter: Der NOFV wird sich mittelfristig daran messen lassen, ob er beim DFB Mehrheiten für eine Veränderung schaffen kann. Nur die Stimmrechte sind momentan schlecht verteilt und leider ist die ostdeutsche Lobby bundesweit zu schwach, was auch die ostdeutschen Traditionsvereine in der Regionalliga belastet.

Vielen Dank für das Gespräch, Raiko.

Interview: Henry Buschmann