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12.11.2025 - 12.00 Uhr | 1. Mannschaft

Interview mit Sportdirektor Löwe: „Wir sind auf einem guten Weg – aber Abkürzungen gibt es nicht“

Chris Löwe trägt seit Sommer 2024 als Sportdirektor Verantwortung für den Verein, bei dem für ihn einst alles im Fußball begann. In der Jugend des Chemnitzer FC ausgebildet, schaffte der gebürtige Plauener unter Trainerlegende Gerd Schädlich den Sprung in den Profi-Fußball – heute gestaltet er den himmelblauen Weg auf der sportlichen Leitungsebene federführend.

Vor dem anstehenden Pokalwochenende haben wir uns mit dem 36-Jährigen zum Interview getroffen und über den bisherigen Saisonverlauf, das Entwicklungspotenzial der Mannschaft und die Erwartungen für den bevorstehenden Jahresendspurt gesprochen. Dabei gewährt Löwe zugleich Einblicke in seine strategische Kaderplanung und erklärt, warum für nachhaltigen Erfolg im Chemnitzer Fußball Geduld und Klarheit wichtiger sind als Luftschlösser.

Chris, nach 15 absolvierten Spieltagen stehen für den CFC 22 Punkte in der Regionalliga Nordost zu Buche, was derzeit Tabellenplatz neun bedeutet. Wie fällt dein Zwischenfazit aus?
Löwe: Fakt ist, dass wir – unabhängig vom Tabellenplatz – mit dem gleichen Budget fünf Punkte mehr als zum gleichen Zeitpunkt der vergangenen Saison geholt haben. Der Abstand zu Platz fünf beträgt derzeit nur drei Punkte. Das ist aus meiner Sicht eine ordentliche Zwischenbilanz. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass wir es uns in bestimmten Phasen der Saison immer wieder selbst schwer gemacht haben. Wir hätten zum jetzigen Stand relativ einfach drei bis fünf Punkte mehr haben können.

Signifikant ist die Steigerung der bislang 23 erzielten Tore. Insgesamt sind 14 Treffer mehr gefallen als im Vorjahr. Woher kommt die neue Offensiv-Power des Teams?
Löwe: Wir haben im Sommer großen Wert daraufgelegt, unsere Offensive breiter aufzustellen, um mehr Optionen zu haben. Der Plan ist bislang aufgegangen: Wir verteilen Verantwortung für Tore und Vorlagen auf mehrere Schultern – und das zeigt sich auch in den Statistiken. Dejan Bozic hat sechsmal getroffen, Maurizio Grimaldi fünfmal. Tobias Müller und Domenico Alberico stehen jeweils bei drei Treffern. Hinzu kommt Jonas Marx mit zwei ganz wichtigen Toren gegen Chemie Leipzig und Hertha Zehlendorf. Und auch die vier Assists von Tobias Stockinger können sich mehr als sehen lassen.

Durch das überraschende Karriereende von Robert Zickert unmittelbar vor Saisonstart steht derzeit eine komplett neue Defensive auf dem Platz. Ist das der Hauptgrund, warum ihr hinten anfälliger seid als im Vorjahr?
Löwe: Das hatte sicher einen massiven Einfluss auf die gesamte Statik unseres Spiels und auch auf die Hierarchie in der Kabine. Wir waren darauf ehrlich gesagt nicht vorbereitet. Der Zeitpunkt war weder für „Zicke“ noch für den Verein absehbar. Unsere Planungen für die Defensive waren beim plötzlichen Karriereende bereits nahezu abgeschlossen. Trotzdem haben wir schnell reagiert, eine gute Lösung gefunden und die entstandene Lücke mit Felix Müller geschlossen. Die höhere Anzahl an Gegentoren liegt aber nicht allein an der Abwehr. Defensivarbeit beginnt ganz vorne – sie ist immer Aufgabe der gesamten Mannschaft.

Mit Martial Ekui und Johannes Pistol haben zwei neue Außenverteidiger direkt Fuß beim CFC gefasst.
Löwe: Wir können dankbar sein, dass wir Spieler mit diesem Potenzial und dieser Qualität bei uns haben. Sie sind erst 22 und 23 Jahre jung und haben noch einiges vor sich. Martial Ekui ist definitiv eine maximal positive Überraschung der bisherigen Saison. Niemand konnte vor der Saison erwarten, dass er als Linksverteidiger in 14 von 15 Regionalliga-Spielen auf dem Platz stehen würde. Er macht das über weite Strecken sehr gut, ist defensiv präsent, schlägt in der Offensive hervorragende Flanken und bringt in beide Spielrichtungen ein herausragendes Tempo für unsere Liga mit. Auch Johannes Pistol ist eine absolute Verstärkung. Mit Ball bringt er eine besondere fußballerische Qualität in unsere Mannschaft. Bei der defensiven Stabilität und seiner Konstanz ist noch Luft nach oben – aber auch diese Entwicklungsschritte waren einkalkuliert.

In dieser Saison gab es immer wieder Phasen, in denen kontinuierlich gepunktet werden konnte – wie aktuell. Dann folgten Spiele, in denen die Mannschaft verunsichert wirkte. Welche Gründe siehst du für diese Schwankungen?
Löwe: Eine Fußballmannschaft ist ein sensibles Gebilde. Wir haben einige Spieler, die ihre ersten Schritte in der Regionalliga gehen oder vorher noch nicht in einem vergleichbaren Umfeld gespielt haben – das ist mit einem Anpassungsprozess verbunden. Außerdem mussten wir aufgrund von Verletzungen und Sperren immer wieder auf wichtige Führungsspieler verzichten, die das Gerüst unserer Mannschaft bilden. In solchen Phasen mussten andere in diese Rollen schlüpfen und mehr Verantwortung übernehmen – das braucht Zeit. Wir können nicht jeden Leistungsträger ohne Anpassungsschwierigkeiten eins zu eins ersetzen, dafür ist unser Kader schlicht zu klein.

Parallel treibst du relativ früh in der Saison die personelle Planung für die Zukunft voran. Mit Ekui und Grimaldi bis 2028 sowie Eppendorfer und Baumgart bis 2029 konntet ihr zuletzt gleich vier Spieler langfristig an den CFC binden. Welche Strategie verfolgst du bei der Kaderplanung
Löwe: Wir wollten bei diesen Spielern früh Fakten schaffen, weil wir in ihnen etwas sehen, das unseren weiteren Weg auch in den kommenden Jahren bereichern wird. Wenn nichts Außergewöhnliches passiert, gehören wir auch in den nächsten zwei bis drei Jahren finanziell nicht zu den Top-3-Vereinen der Liga. Deshalb müssen wir kreativ sein und Fantasie entwickeln, um Spieler in unseren eigenen Reihen so weiterzuentwickeln, dass sie sich im besten Fall schon bald auf ihren Positionen zur Ligaspitze zählen. Dieser Weg ist ein Prozess, weil Entwicklung immer auch Zeit braucht. Gleichzeitig stärkt es die Identifikation zwischen Verein, Mannschaft und Fans, wenn Spieler über mehrere Jahre Teil dieser Entwicklung sind.

Shootingstar Maurizio Grimaldi wirkt nicht erst seit seiner Vertragsverlängerung wie beflügelt. War diese Entwicklung absehbar – bei einem Spieler, der vor der Saison aus der Oberliga kam?
Löwe: Wenn ich das Schauspiel der Branche mitspielen würde, könnte ich mir jetzt selbst auf die Schulter klopfen und einfach mit „Ja“ antworten – aber das wäre Blödsinn. Dass wir etwas in dem Jungen gesehen haben, ist klar, sonst hätten wir ihn nicht geholt. Aber dass er nach 15 Spielen aktuell gar nicht mehr aus unserer Mannschaft wegzudenken ist, war so nicht abzusehen. Wir haben mit ihm einen absoluten Glücksgriff gemacht, weil er aus meiner Sicht noch lange nicht am Ende seiner Entwicklung ist. Der Junge macht in dieser Verfassung einfach nur Spaß. Ich wünsche mir, dass es genauso weitergeht, er gesund bleibt und weiter mit dieser angenehmen Bodenständigkeit hart an sich arbeitet.

Insgesamt standen gegen Altglienicke sieben Spieler in der Startelf, die 24 Jahre oder jünger sind. Unterstreicht das, dass die Mannschaft noch nicht am Ende ihres Entwicklungspotenzials angekommen ist?
Löwe: Auf jeden Fall. Es zeigt, dass wir im Verein eine klare Leistungskultur leben. Es geht nicht darum, ob jemand alt oder jung ist, sondern darum, dass wir Spieler auf dem Platz haben wollen, die mit größtmöglicher Konstanz Woche für Woche an ihr Leistungsmaximum herankommen. Unser Cheftrainer Benjamin Duda hat gezeigt, dass er auch vor unbequemen Entscheidungen nicht zurückschreckt, sondern eine klare Leistungskultur von allen einfordert. Das ist der richtige Weg, um unsere Mannschaft auch perspektivisch weiterzuentwickeln.

In welchen Punkten kann sich die Mannschaft im weiteren Saisonverlauf aus deiner Sicht noch steigern?
Löwe: Unabhängig vom Ergebnis müssen wir verlässlicher unser Leistungspotenzial abrufen. Ich spreche unserer Mannschaft in keiner Weise die Bereitschaft ab, alles zu geben – diese Truppe hat einen tollen Charakter. Entscheidend wird sein, dass wir unsere Leistungen über mehrere Wochen hinweg stabilisieren und uns auch in schwierigen Phasen gegenseitig tragen. Ich denke, der Mannschaft fehlt nicht viel, um mit mehr Konstanz Fußball zu spielen. Aber dafür dürfen uns einfach nicht zu viele Spieler mit Formtiefs, Verletzungen oder Sperren wegbrechen.

Was entgegnest du den Stimmen, denen die sportliche Entwicklung beim Chemnitzer FC derzeit nicht schnell genug geht?
Löwe: Mein Gefühl ist, dass der Großteil unserer Fans total hinter diesem Weg steht – einfach, weil er ehrlich ist. Ob daheim oder auswärts: Wir erleben jeden Spieltag eine fantastische Unterstützung. Dafür sind wir unglaublich dankbar. Aktuell liegen wir bei über 5.000 Zuschauern im Schnitt bei unseren Heimspielen, obwohl die großen Traditionsduelle gegen Lok, Erfurt, Jena oder Zwickau erst noch in der Rückrunde in Chemnitz auf uns warten.

Und was antwortest du den Kritikern?
Löwe: Ich weiß, dass es Menschen im Umfeld gibt, die sich noch immer schwer damit tun, die aktuellen Voraussetzungen beim Chemnitzer FC richtig einzuschätzen. Ich empfehle jedem einen kurzen Realitätscheck – und dabei die Emotionen einmal beiseitezulassen. Tradition allein bedeutet auch in der Regionalliga nicht automatisch sportlichen Erfolg. Das sehen wir bei anderen Traditionsvereinen in höheren Ligen. Die Realität ist – und das mag nicht jedem gefallen –, dass wir mit plus/minus drei Punkten aktuell dort stehen, wo wir unter den derzeitigen Voraussetzungen im Ligavergleich hingehören. In der Regionalliga Nordost herrscht ein brutaler Wettbewerb, in dem einige Vereine mit deutlich höheren Budgets um ihre Ambitionen kämpfen. Natürlich hätten wir uns alle gewünscht, schneller voranzukommen – aber im Leben gibt es eben keine Abkürzungen. Die aktuell Verantwortlichen inklusive der Vereinsgremien stehen jedenfalls nicht dafür, Luftschlösser zu bauen. Wozu das führen kann, hat der Verein im vergangenen Jahrzehnt schmerzhaft erfahren müssen.

Wie könnte ein realistischer Plan aussehen, bis wann in Chemnitz das Ziel 3. Liga ausgegeben werden kann?
Löwe: Das ist eine Frage, die ich allein gar nicht beantworten kann. Sicher brauchst du etwas Glück und eine nahezu perfekte Saison. Aber auch das Budget muss bis dahin noch einmal einen deutlichen Sprung nach oben machen. Niemand sollte falsche Erwartungen schüren, nur um Emotionen zu bedienen. Wir sind unter den derzeitigen Rahmenbedingungen auf einem guten Weg – aber dieser Weg braucht Zeit.

Welche Bedeutung hat das Sachsenpokal-Achtelfinale am Sonntag beim Sechstligisten in Reichenbach?
Löwe: Das ist ein ganz wichtiges Spiel. Es darf und kann nur ein Ziel geben: Wir müssen weiterkommen. Reichenbach steht aktuell auf Platz drei der Sachsenliga und damit nur einen Punkt hinter der U21 von Dynamo Dresden – das sagt alles über ihre Qualität. Wir wissen, dass es gegen einen hochmotivierten Gegner nicht leicht wird, aber klar ist: Wir wollen ins Viertelfinale des Sachsenpokals einziehen. Das werden wir am Sonntag mit einer guten Leistung auch schaffen.

Danach folgt direkt das mit Spannung erwartete Bezirksderby beim FSV Zwickau, der vor allem zu Hause eine echte Macht ist. Seit 21 Spielen sind die Zwickauer im eigenen Stadion ungeschlagen. Kann das ein zusätzlicher Anreiz sein?
Löwe: Ja, auf jeden Fall. Das kann ein Anreiz sein, um noch ein paar Prozent mehr herauszukitzeln. Seit Benjamin Duda als Cheftrainer in der Verantwortung steht, haben wir bereits mehrfach unter Beweis gestellt, dass wir Erfolgsserien brechen können. Wir wissen um die emotionale Bedeutung dieses Spiels – für die Fans, den Verein und die ganze Stadt. Ich rechne mit einem emotionalen und sehr umkämpften Spiel auf Messers Schneide, in dem Kleinigkeiten entscheiden werden. Aber wir sind in der Lage, auch dort eine Leistung abzurufen, mit der wir etwas aus Zwickau mitnehmen können.

Danach warten in diesem Jahr gegen den BFC Dynamo und Luckenwalde noch zwei Heimspiele, dazwischen geht es zum weitesten Auswärtsspiel der Saison nach Greifswald. Welche Erwartungen verknüpfst du mit dem Jahresendspurt?
Löwe: Es geht jetzt darum, den Schwung aus den letzten Partien mitzunehmen, weiter als Mannschaft mit den vor uns liegenden Aufgaben zu wachsen und bis zur Winterpause so viele Punkte zu holen, wie möglich sind. Wir wollen uns eine gute Ausgangslage für die Rückrunde erarbeiten – das ist unser Ziel.

Danke für das Gespräch, Chris, und viel Erfolg für die anstehenden Aufgaben.

Interview: Henry Buschmann