Jasin Jusic im Interview: "Das war mein größter Traum"
Mit 18 Jahren kam Jasin Jusic aus der Schweiz ans Chemnitzer Nachwuchsleistungszentrum. Ohne Eltern, ohne Freunde – und vor allem ohne Angst. Der Bosnier schaffte den Sprung in die Junioren-Nationalmannschaft und die Profimannschaft des Chemnitzer FC.
Im ClubMagazin-Interview spricht Jusic über sein Profidebüt nach viermonatiger Verletzungspause, seinen Weg von der Schweiz nach Deutschland und die Chemnitzer Mentalität.
Jasin, Glückwunsch zu deinem Profidebüt. Hast du vor vier Jahren damit gerechnet?
Jasin Jusic: Ehrlich gesagt überhaupt nicht. Der Traum war immer Fußballer zu werden. Aber dass ich in Chemnitz lande, war damals als ich noch in der Schweizer Junioren Super League gespielt habe nicht denkbar. Dafür bin ich jedem beim Chemnitzer FC sehr dankbar.
Hat es sich für dich überhaupt wie ein Profidebüt angefühlt? Schließlich spielt der Chemnitzer FC derzeit nur in einer semi-professionellen Liga.
Jusic: Doch, auf jeden Fall. Chemnitz ist ein Profiklub. Das habe ich direkt gemerkt, als ich ins CFC-Nachwuchsleistungszentrum gewechselt bin. Ich habe damals meine Ausbildung zum Bürokaufmann und mein Fachabitur in der Schweiz gemacht, danach war für mich klar, dass ich im Fußball weiterkommen will.
Und dafür bist du nach Deutschland?
Jusic: Ja, ich hatte einige Angebote von deutschen Topklubs. Am Ende habe ich mich aber für Chemnitz entschieden, weil das Gesamtpaket gestimmt hat. Hier habe ich eine Wohnung gestellt bekommen, die Leute im NLZ waren freundlich und auch die Perspektive in der ersten Mannschaft sah sehr gut aus für mich. Bis jetzt ist der Plan auch aufgegangen.
Von heut auf morgen bist du kein Nachwuchsfußballer mehr. Du bist jetzt Profi. Was macht es für dich aus, Profifußballer zu sein?
Jusic: Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, wenn man den Eltern sagen kann, dass man Profifußballer ist. Für mich war es schon immer ein Kindheitstraum. Und es ist noch nicht das Ende. Das weiß ich.
Als Profi stehst du in Chemnitz im Blick der Öffentlichkeit. Welche Werte willst du als Profifußballer nach außen hin vertreten?
Jusic: Ich versuche immer auszudrücken, dass die jüngsten Fußballer hart arbeiten und diszipliniert sein sollen. Vor fünf Jahren war ich an derselben Stelle. Der Weg vom Jugendfußballer in den Profibereich geht extrem schnell. Und die Chancen sind rar, also bleib dran.
Zu Beginn der Saison hat dich eine Verletzung im Knie zurückgeworfen. Wie ist das passiert?
Jusic: Ende April ist im U19-Spiel gegen Hannover 96 ein Spieler in mich hineingerannt. Ich habe zwar weitergespielt, aber gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Das war sehr bitter. Unser Facharzt hat dann herausgefunden, dass mein Meniskus und mein Kreuzband angerissen wurden. Das haben wir dann konservativ gelöst. Also Prothese tragen, ausruhen. Das war hart, denn ich war es nicht gewöhnt, sechs Wochen lang nichts zu machen.
Die konservative Lösung ist aber nicht ganz aufgegangen.
Jusic: Nein, nachdem ich wieder gesund war, habe ich trainiert und geschuftet. Ich habe extra keinen Urlaub genommen, um wieder zurückzukommen. Die ersten zwei Trainingseinheiten mit den Profis habe ich also mitgemacht, dann ist aber herausgekommen, dass mein Meniskus noch nicht wieder richtig verwachsen war. Also wurde ich operiert und bin insgesamt vier Monate lang ausgefallen.
Macht so eine Verletzungspause auch etwas mit dem Kopf?
Jusic: Rückblickend war es keine einfache Zeit. Ich habe mir immer gesagt: 'Sei froh, dass es nicht komplett gerissen ist'. Es gibt noch viel schlimmere Verletzungen, die man bekommen kann. Wichtig ist, dass man anderen Menschen um sich herum hat. Ich bin zwar in Chemnitz allein, aber meine Familie und meine Freunde waren immer für mich da.
Vor deiner Verletzung wurdest du bereits mehrfach für die bosnische Junioren-Nationalspieler nominiert. Bist du stolz auf so etwas?
Jusic: Ja, absolut! Das war mein größter Traum. Einmal im Leben das Trikot meines Nationalteams zu tragen. Zwar war es 'nur' die Junioren-Auswahl, aber ich hoffe auch bald mal für die A-Nationalmannschaft auflaufen zu dürfen. Oft fragen mich Kinder, was mein größter Traum ist, und ich kann sagen, dass ich ihn schon erreicht habe.
Hast du deshalb eine besondere Verbindung zu Bosnien-Herzegowina?
Jusic: Ich verbinde mit Bosnien-Herzegowina Familie. Meine Eltern kommen von dort. Ich bin zwar in der Schweiz geboren, bin aber zweimal pro Jahr in meiner bosnischen Heimat, um meine Verwandten zu besuchen. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich dort bin.
In der bosnischen Nationalmannschaft spielst du mit Talenten von Juventus, Dinamo Zagreb oder dem 1. FC Köln zusammen. Hat das eine Bedeutung für dich?
Jusic: Eigentlich nicht. Ich bin dorthin gekommen, als sie sich schon alle kannten. Da sind aber alle bodenständig und haben mich gut aufgenommen. Niemand verhält sich arrogant, weil er bei Juve spielt.
Dein Mitspieler Mladen Cvjetinovic spielt sogar in derselben Liga wie du - bei Ligakonkurrent Viktoria Berlin. Wie geht ihr beiden damit um?
Jusic: Als ich zum ersten Mal nominiert wurde, hatten wir sofort eine Verbindung. Wir sprechen beide hochdeutsch, verstehen uns besser. Man muss auch sehen, dass die Jungs aus Bosnien einen anderen Lebensstil haben. Wenn man da auf den Teller der anderen Mitspieler schaut, sieht man sehr ungesunde Sachen.
Ist das der Grund, warum der bosnische Fußball nicht so weit ist wie der deutsche?
Jusic: Nein. (lacht) Obwohl sie sich so ernähren, spielen sie großartigen Fußball. Würde ich so etwas essen, würde es mir nicht gut bekommen, denke ich. (lacht)
Wie würdest du deinen Nationaltrainer Ivica Barbaric beschreiben?
Jusic: Er ist ein sehr korrekter Typ. Ihm ist es egal, wie du aussiehst oder woher du kommst. Wer im Training Vollgas gibt, spielt. Er ist sehr hart, kennt kein Mitleid. Das hat mir immer sehr gefallen.
Haben die bosnischen Trainer eine andere Mentalität als die deutschen?
Jusic: Ja. Mitleid haben sie gar nicht. Wenn du auf dem Boden liegst, kannst du so lange liegen bleiben, wie du willst, es hilft dir keiner. Im Großen und Ganzen geht es darum, dass man als Team auftritt. Er hat immer von uns gefordert, als Einheit aufzutreten. Das hat sich auch ausgezahlt. Bei der Europameisterschaft sind wir weit gekommen und sind erst gegen Frankreich ausgeschieden.
Hattest du bereits Kontakt zum bosnischen A-Nationaltrainer Ivaylo Petev?
Jusic: Zu ihm leider noch nicht. Das kommt aber vielleicht noch.
Jeder kennt die großen bosnischen Fußballer wie Edin Dzeko, Miralem Pjanic, Asmir Begovic oder Zvjezdan Misimovic.
Jusic: Hasan Salihamidzic oder Sergej Barbarez sollte man nicht vergessen. Für viele ist Edin Dzeko der größte Fußballer. Er ist eine riesige Persönlichkeit und ein großartiger Fußballer. Wenn man sieht, dass er noch mit 36 Jahren in der Serie A seine Tore macht, hat er allen Respekt verdient. Hinzu kommt, dass er sehr bodenständig ist.
Du bist in der Schweiz geboren, dort aufgewachsen und allein nach Deutschland gekommen. Wächst man in der Schweiz anders auf als hier?
Jusic: Das ist schwierig zu sagen. Die Lebensqualität in der Schweiz ist sehr gut, da kann man sich nicht beklagen. Auch Fußballspielen kann man dort super, aber die Zukunft des Fußballs sehe ich für mich dort nicht. Deutschland ist der Schweiz sportlich einfach in vielen Dingen überlegen.
Du bist selbst erst 19 Jahre alt. Fühlst du dich schon bereit für die große Reise Profifußball.
Jusic: Man lernt nie aus. Aber ich fühle mich reif genug. Meine Eltern wohnen 800 Kilometer weit entfernt. Ich lebe allein, mache meine Wäsche allein, koche allein. Man kann mich also schon als erwachsen einschätzen.
Abgesehen von deinen Mitspielern hattest du in Chemnitz niemanden, als du im Sommer 2021 hierhergekommen bist. Wie kommst du mit der Mentalität in Chemnitz klar?
Jusic: Als ich hierhin gewechselt bin haben mich viele vor Ostdeutschland gewarnt. Das habe ich nie verstanden. Deutschland ist Deutschland. Mittlerweile habe ich aber gelernt, dass es nicht so ist. Im Gegensatz zu anderen Regionen ist Ostdeutschland ist für mich wie ein starkes Team, das zusammenhält. Keiner lässt den anderen fallen. Das gefällt mir.
Abschließend, wo fühlst du dich in Chemnitz am wohlsten?
Jusic: Ich bin öfters mal mit dem Fahrrad unterwegs. Das Chemnitzer Zentrum ist sehenswert, ich trinke zum Beispiel gern einen Kaffee im Alex. Beim Einkaufen sieht man mich auch öfter. Und sonst natürlich auf dem Fußballplatz.



