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30.07.2024 - 18.51 Uhr | 1. Mannschaft

Tommy Haeder im Interview: "Wir hatten nichts mehr zu verlieren"

Tommy Haeder trägt seit dem Neustart 2023 als Geschäftsstellenleiter, Ticketchef und Prokurist maßgeblich zum Erfolg des Chemnitzer FC bei. Wir haben uns mit dem 33-Jährigen auf der Pressetribüne im Stadion – An der Gellertstraße zum Interview getroffen, um über die herausfordernde Phase vor dem Saisonstart und die neuesten Entwicklungen im Verein zu sprechen.

Im Gespräch gibt Tommy Haeder Einblicke in die Einführung des neuen Ticket- und Pfandsystems und erklärt die Strategie hinter dem neuen Maskottchen. Er erläutert zudem, warum der Verein den Weg der maximalen Transparenz gewählt hat und wie die MDR-Doku zur Weiterentwicklung des Vereins beiträgt. Darüber hinaus betont der gebürtige Rochlitzer die entscheidende Rolle der CFC-Fanszene für das gemeinsame Leben der Vereinswerte.

Die letzten Wochen waren für die Geschäftsstelle ein wilder Ritt. Wie hast du die Phase bis zum Saisonstart gegen Halle erlebt?

Tommy Haeder: Es war eine arbeitsintensive Zeit, die uns alle stark gefordert hat. Aber wir hatten ein gemeinsames Ziel: Alle Vorbereitungen rechtzeitig zum Saisonstart abzuschließen. Trotz des Stresses hat es auch Spaß gemacht, weil alle mit vollem Einsatz dabei waren und niemand auf die Uhr geschaut hat.

Vorstellung des neuen Heimtrikots, neuer Ticketanbieter, Mehrweg-Pfandbecher, Legendenwand und neues Maskottchen – und nebenbei noch ein Stadionfest zur Saisoneröffnung organisiert. Wie sind all die Neuerungen in der CFC-Familie bisher angekommen?

Haeder: Die Neuerungen haben bereits erste positive Wirkung gezeigt und werden uns in den kommenden Jahren viel Freude bereiten. Auch wenn bei der Generalprobe und dem Saisonauftakt nicht alles perfekt lief, ist es beeindruckend, was unser kleines Team geleistet hat. Ein herzliches Dankeschön für das Engagement des gesamten Geschäftsstellen-Teams.

Warum habt ihr euch für einen neuen Ticketanbieter entschieden?

Haeder: Mit vivenu wollten wir den nächsten Entwicklungsschritt gehen und allen Bedürfnissen gerecht werden. Ob traditioneller Fußballfan, der seine Jahreskarte als Plastikkarte behalten möchte, oder moderner Fan, der digital unterwegs ist – vivenu bietet die zeitgemäßen Standards und einen besseren digitalen Service. Das wird uns und unseren Fans auch bei zukünftigen Ticketaktionen zugutekommen.

Was waren die Überlegungen zum Pfandbechersystem?

Haeder: Unser Ziel war es, einen Beitrag zur Nachhaltigkeit zu leisten und die Umweltbelastung durch Einwegbecher zu reduzieren. Bei über 5.000 Zuschauern pro Heimspiel entsteht viel Müll. Das Mehrweg-System verbessert das Stadionerlebnis und die Becher mit Vereinsmotiven haben einen Sammlerwert, der die Fans emotional anspricht und gleichzeitig die Bindung zum Club stärkt.

Wie kommen die Becher bei den CFC-Fans an?

Haeder: Unsere Fans haben bereits mehrere Tausend Becher bei den ersten beiden Spielen mit nach Hause genommen. Das zeigt, dass sie gut ankommen. Gemeinsam mit unserem Partner Feldschlößchen und der SEG Unternehmensgruppe haben wir auch bei der Gestaltung offensichtlich den richtigen Nerv getroffen. Wir planen, die Motive in Zukunft auch zu wechseln, um eine Sammelleidenschaft zu wecken.

Der Löwe hat als neues Maskottchen bereits zur Saisoneröffnung viele Sympathien gesammelt. Welche Erwartungen verbindet der CFC mit dem Maskottchen?

Haeder: Die Idee des Maskottchens haben wir schon länger verfolgt, aber erst im Sommer konnten wir das Projekt realisieren, weil vorher dafür kein Geld bereitgestellt wurde. Der Löwe soll den Neustart des Chemnitzer FC nach außen symbolisieren und Kinder spielerisch an unseren Verein binden. Unser Ziel ist es, eine neue Fangeneration zu gewinnen, die dem CFC ein Leben lang treu bleibt.

Die Kutte verpasst dem Maskottchen einen besonderen Charme.

Haeder: Die Wahl der Kutte war bewusst, um alteingesessene Anhänger und Fanclubs einzubeziehen. Fans können ihre eigenen Aufnäher anbringen, was die Akzeptanz der Neuerungen fördert und die Identifikation stärkt. Diese kleinen Aktionen sind Teil unserer Bemühungen, den Verein gemeinsam zu gestalten.

Gemeinsam mit Geschäftsführer Uwe Hildebrand teilst du dir ein Büro in der Geschäftsstelle im Stadion. Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit zwischen euch im Alltag?

Haeder: Unsere Zusammenarbeit basiert auf absolutem Vertrauen und Offenheit. Wir sind jederzeit füreinander erreichbar, kommunizieren ehrlich und direkt, auch wenn es Kritik gibt, die immer sachbezogen ist und nie den Menschen meint. Durch unsere unterschiedlichen Kompetenzen ergänzen wir uns und arbeiten zielgerichtet an der Weiterentwicklung des Vereins. Mit Chris Löwe als Sportdirektor haben wir zudem jetzt eine wertvolle Verstärkung unseres Führungskreises beim CFC gewonnen.

Zum Eröffnungsspiel gegen Halle hat der MDR die Dokumentation "Mit himmelblauem Herz – der Neustart des Chemnitzer FC" veröffentlicht. Welche Rückmeldungen sind dazu bisher bei dir eingegangen?

Haeder: Ich habe noch nicht alle Rückmeldungen durchsehen können, aber ich bin überwältigt von der emotionalen Resonanz. Die Dokumentation zeigt eindrucksvoll den harten Weg, den der Chemnitzer FC seit dem Neustart im Sommer 2023 gegangen ist. Die vielen Rückmeldungen, auch von Menschen außerhalb unserer üblichen Fanbasis, haben mich emotional tief berührt.

Warum habt ihr euch im Hochglanzbusiness Fußball entschieden, Kontrolle an einen Journalisten und sein Kamerateam abzugeben und somit den Weg maximaler Transparenz zu gehen?

Haeder: Im Sommer 2023 standen wir vor enormen Herausforderungen: Unser Image war mal wieder stark beschädigt und der Ruf des Vereins nahezu zerstört. Deshalb haben wir uns bewusst für absolute Transparenz und Authentizität entschieden. Wir hatten nichts mehr zu verlieren. Wir wollten den Verein retten und waren bereit, alles zu tun, um ein ehrliches Bild des Chemnitzer FC zu zeigen.

Welche Einblicke gibt die Dokumentation?

Haeder: Die Doku bietet einen unverfälschten Blick eines renommierten Journalisten auf unseren Verein und zeigt ungefiltert die Herausforderungen und Erfolge unserer täglichen Arbeit über einen Zeitraum von einem Jahr. Wir sind überzeugt, dass diese Offenheit das Bild des Vereins bei den Zuschauern grundlegend verändern wird. Es ist uns wichtig, dass die Menschen sehen, wie viel Herzblut und Engagement in der Arbeit der Geschäftsstelle, der Mannschaft, der Gremien und Gesellschafter steckt. Darauf sind wir unglaublich stolz.

Es gibt Kritik daran, dass die Dokumentation auch die ganz dunklen Stunden aus der Vergangenheit aufgreift und nochmals thematisiert. Was ist deine Antwort darauf?

Haeder: Die Kritik ist verständlich, aber es ist wichtig, die Realität anzuerkennen. Skandale, Abgründe und Niederlagen gehören zu unserer Vereinsgeschichte. Diese Aspekte zu verschweigen würde die Wahrheit verzerren. Wir haben uns für einen ehrlichen Blick in den Rückspiegel entschieden, weil wir glauben, dass Vertrauen nur durch Offenheit und Transparenz aufgebaut werden kann.

Der CFC strebt danach, sich zu einem regional verwurzelten Verein mit hoher Anziehungskraft für Fans, Partner und Sponsoren zu entwickeln. Wie soll das gelingen?

Haeder: Für mich ist es essenziell, dass Menschlichkeit in all unserem Handeln und im Umgang miteinander im Mittelpunkt steht. Diese Werte sollen auch unsere Fans, Mitglieder, Partner und Sponsoren spüren. Wir interessieren uns für ihre Bedürfnisse, setzen auf gegenseitiges Vertrauen und sind jederzeit ansprechbar. Um unseren begonnenen Weg auch in Zukunft erfolgreich fortzuführen, müssen wir konsequent weiter auf Transparenz, Offenheit und Professionalität setzen.

Wo steht der Verein aktuell?

Haeder: Unsere Arbeit ist noch lange nicht abgeschlossen und die Entwicklung des Vereins steht erst am Anfang. Wir müssen unsere Ziele als Verein ehrgeizig und fokussiert verfolgen und uns in allen Bereichen weiterentwickeln wollen, ohne dabei im Vereinsumfeld unrealistische Erwartungen aufzubauen. Dabei ist es entscheidend, dass wir die Werte unseres Leitbildes stets im Blick behalten und leben. Der Leitsatz von Chris Löwe – "Niemand ist größer als dieser Verein" – sollte uns dabei immer leiten.

Auch in der Anti-Rassismus-Arbeit geht der CFC seit Sommer 2023 viel konsequenter vor als in der Vergangenheit. Wo verlaufen die roten Linien des Clubs?

Haeder: Wir sind keine Gesinnungspolizei oder Strafbehörde, aber wir stehen unerschütterlich zu unseren Werten: Respekt, Wertschätzung, Toleranz und Glaubwürdigkeit. Unser Ziel ist es, Generationen zu vereinen und soziale Integration zu fördern. Extremistische, insbesondere fremdenfeindliche und ausgrenzende Ideologien, lehnen wir entschieden ab – sowohl auf dem Platz als auch abseits des Spielfelds. Diese Werte sind fest in unserem Leitbild verankert, sie sind unverhandelbar. Und deshalb müssen sie von uns allen aktiv gelebt werden.

Wie wichtig ist dabei die Unterstützung der Fanszene?

Haeder: Die Unterstützung der Fanszene ist entscheidend für den Erfolg unseres Engagements. Wir pflegen einen offenen und ehrlichen Dialog mit den Fanvertretern und benötigen ihre aktive Unterstützung, um sicherzustellen, dass Politik, Extremismus und Gewalt keinen Platz in unserem Umfeld haben. Es reicht nicht, unsere Werte nur auf Papier festzuhalten – wir müssen sie gemeinsam leben und umsetzen.

Als Fußballfan geht einem das Herz auf, wenn man die Kinder auf dem Zaun der Südkurve sieht, wie sie die Mannschaft beim Halle-Spiel voller Leidenschaft unterstützen. Tragen die ermäßigten Kinder-Tickets für 4 Euro bereits Früchte?

Haeder: Absolut. Die zahlreichen Kinder und Familien, die jetzt regelmäßig ins Stadion kommen, beweisen, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Unsere Fanszene braucht Nachwuchs, und es ist eine Freude zu sehen, wie die Kinder mit Begeisterung mitmachen und sich im Fanblock integrieren. Diese Bilder symbolisieren den Neustart des Chemnitzer FC und verkörpern unser generationsübergreifendes Ziel: Gemeinschaft und Leidenschaft für unseren Verein.

Die juristischen Auseinandersetzungen mit der ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Romy Polster und dem Ex-Sportgeschäftsführer Marc Arnold sind weiterhin ungelöst. Viele Fans interessieren sich für den aktuellen Stand.

Haeder: Die Verfahren sind noch im Gange, und wir möchten keine öffentliche Schlammschlacht führen. Daher halten wir uns derzeit mit konkreten Informationen zu Details zurück. Wir erhalten regelmäßig neue Schriftsätze von der Gegenseite, was zusätzliche Belastungen neben unseren täglichen Herausforderungen mit sich bringt. Dennoch bleiben wir entschlossen, uns im Interesse des Chemnitzer FC der juristischen Auseinandersetzung zu stellen. Unser Ziel ist es, die Wahrheit aufzudecken und eine positive Entscheidung für den Verein herbeizuführen.

Danke dir für das Gespräch, Tommy.

Interview: Henry Buschmann