"Wir dürfen solche Spiele einfach nicht mehr verlieren" – Chris Löwe über Selbstverständnis, Entwicklung und die neue Saison
Nach dem 0:0 im Testspiel gegen Dynamo Dresden II am Mittwochabend haben wir im Sportforum mit Sportdirektor Chris Löwe über den Saisonstart, die Kaderplanung, Nachwuchsspieler und die wachsende Strahlkraft des Vereins gesprochen.
Im Gespräch mit dem 36-Jährigen geht es um Saisonziele, die Zukunft von Identifikationsfigur Robert Zickert, den ehrlichen Umgang mit Fehlern – und einen Gegner, der als angeknockter Boxer nach Chemnitz kommt.
Chris, zwei Spiele sind absolviert. Zum Auftakt gab es einen souveränen Sieg, es folgte ein erster Dämpfer in Luckenwalde. Wie fällt dein persönliches Fazit zum Saisonstart aus?
Löwe: Mit dem Spiel gegen Greifswald können wir insgesamt sehr zufrieden sein. Das war eine Topleistung gegen eine Topmannschaft. Danach haben wir alle gehofft, dass wir schon einen Schritt weiter sind. Das Ergebnis in Luckenwalde war dann allerdings ernüchternd. So darfst du an einem solchen Tag einfach nicht verlieren. Wir mussten im Nachgang schon den Finger in die Wunde legen. Unser nächster Entwicklungsschritt muss sein, solche Spiele nicht mehr zu verlieren – und genau das haben wir an diesem Tag verpasst.
Jetzt folgt direkt ein spielfreies Wochenende. Unterbricht das den Rhythmus – oder kommt die Pause gerade recht, um noch mal an ein paar Details zu arbeiten?
Wir hätten schon gern gespielt, weil du nach zwei Spielen einfach kein spielfreies Wochenende brauchst. Die Pause kommt zur Unzeit. Aber es ist, wie es ist – wir können es nicht ändern und der Gegner muss auch damit leben. Mit dem Testspiel gegen die U21 von Dynamo Dresden haben wir versucht, den Rhythmus beizubehalten.
Wie fällt dein Fazit nach dem 0:0 im Test gegen Dynamo II aus?
Es war klasse, dass mehr als 1.000 Zuschauer dabei waren – das zeigt, welche Anziehungskraft unser Verein selbst in solchen Spielen entwickeln kann. Allzu viele inhaltliche Erkenntnisse wird unser Trainerteam aus dieser Partie wohl nicht mitgenommen haben. Aber wir sind im Rhythmus geblieben und haben uns gut bewegt. Auch wenn wir nicht unser Top-Level erreicht haben, war es ein ordentlicher Test gegen eine junge, ambitionierte Mannschaft von Dynamo Dresden. Wichtig war vor allem, dass viele Spieler Einsatzzeit bekommen haben, die bislang wenig oder gar nicht zum Zug kamen. Mit Blick auf die kommende Woche sind wir gut vorbereitet.
Am Mittwoch wartet mit Chemie Leipzig das nächste Heimspiel – Flutlicht, 19 Uhr, vor großer Kulisse. Die Leipziger stehen nach zwei Niederlagen bereits früh in der Saison unter Druck. Was erwartest du für eine Partie?
Chemie kommt als angeknockter Boxer zu uns. Jeder weiß, wie gefährlich solche Gegner sind. Natürlich bringen sie schon ordentlich Druck im Gepäck mit nach Chemnitz. Es ist unsere Aufgabe, den Gegner so zu bespielen und so von der ersten bis zur letzten Minute zu bekämpfen, dass er gar nicht erst aus seiner Verunsicherung herausfindet.
Darf man nach dem Spiel in Luckenwalde eine Reaktion von der Mannschaft erwarten? Oder tut man dem Team mit so einer Formulierung unrecht?
Ich finde, die Formulierung passt nicht zu unserer Situation. Die Leistung war gegen Luckenwalde grundsätzlich in Ordnung, auch der Einsatz hat gestimmt. In dieser Liga entscheiden oft Kleinigkeiten. Und wir haben offensiv wie defensiv mindestens einmal die falsche Entscheidung getroffen. Das muss besser werden, das wissen auch die Jungs. Aber wir sollten trotz der Enttäuschung die Mannschaft und ihre Leistung nicht schlechter machen, als sie war.
Die Sommervorbereitung hat Robert Zickert weitgehend verpasst, war aber regelmäßig an deiner Seite zu sehen. Wie ist sein aktueller Stand – und geht es mit ihm weiter?
Das ist im Moment schwer zu sagen. Es ist derzeit völlig offen, wie es mit ihm weitergeht – und auch, was passiert, wenn es für ihn sportlich als Profi-Fußballer nicht weitergehen sollte. Wir haben ein total intaktes, offenes und ehrliches Verhältnis, seit wir gemeinsam für den CFC auf dem Platz standen. Deshalb gehen wir auch in dieser Situation offen miteinander um. Er weiß, dass wir als Verein hinter ihm stehen und ihn bei allem unterstützen, was auch kommen mag. Wir brauchen Geduld und Zeit, bis hier ein Weg abzusehen sein wird.
Nach starker Vorbereitung stehen nun drei Punkte aus zwei Regionalliga-Partien zu Buche. Worauf habt ihr euch mit Cheftrainer Benjamin Duda als Saisonziel verständigt?
Benni hat es ja bereits in der Pressekonferenz vor dem Saisonstart deutlich gemacht: Achter oder Neunter zu werden, wäre etwas zu wenig – denn wir wollen eine klare Entwicklung zeigen, auch mit Blick auf die vergangenen Jahre. Unser erstes Ziel ist es, uns im Vergleich zur letzten Saison auch tabellarisch zu verbessern. Aber vor allem gilt: Wir müssen Woche für Woche unsere Leistung auf den Platz bringen und darauf unseren Fokus richten. Die Ergebnisse kommen dann von allein. Ich traue unserer Mannschaft in dieser Saison einiges zu.
Diese Saison ist für den Verein eine besondere – die Jubiläumssaison: 60 Jahre FC Karl-Marx-Stadt und Chemnitzer FC. Du warst bis letztes Jahr noch selbst als Profi für den CFC aktiv. Spürt man da eher zusätzlichen Antrieb oder lähmenden Druck?
Es ist einfach schön, Teil einer Jubiläumssaison zu sein. Über so etwas freut man sich als Spieler, weil es etwas Besonderes ist, in diesem Jahr das Trikot des Vereins tragen zu dürfen. Nicht jeder darf von sich behaupten, eine Sonderanfertigung als Jubiläumstrikot in der Regionalliga zu tragen. Daraus ziehe ich – und auch die ganze Mannschaft – eher Motivation.
Seit dem Sommer trainieren mit Noah Tänzer, Leon Gruschwitz und Georg Hempel drei vielversprechende U19-Talente bei den Profis mit. Alle drei haben es auch auf das offizielle Mannschaftsfoto geschafft. Welche Perspektive siehst du für die Jungs?
Wir befinden uns in der Phase, in der wir mit allen drei Spielern ganz früh in der Saison das persönliche Gespräch suchen, um gemeinsam ihre Zukunft und die Perspektiven beim CFC abzustecken. Wenn wir unsere gegenseitigen Vorstellungen ausgetauscht haben, schauen wir, wie es weitergeht. Wir wollen niemanden überreden – wir suchen Jungs, die für den Verein und unseren Weg brennen. Festhalten können wir schon jetzt: Die unerwartete Chance, die sie in diesem Sommer bei uns bekommen haben, haben sie mustergültig genutzt. Ihr Auftreten, ihr Einsatz und ihre Bereitschaft, dazuzulernen, waren vorbildlich. Das ist einer der schönsten Nebenaspekte der Vorbereitung – und für alle Beteiligten vielleicht sogar ein bisschen unverhofft gekommen.
Mit der eins ist ein großes städtisches Unternehmen als starker Partner zum CFC zurückgekehrt. Hat das Einfluss auf deine Kaderplanung – und was bedeutet dir dieser Schritt persönlich?
Aktuell hat das keinen Einfluss auf meine Kaderplanung. Die zusätzlichen Mittel werden an anderer Stelle gebraucht – das ist so besprochen. Der Verein hat sich zudem das Ziel gesetzt, endlich mal wieder ein positives Jahresergebnis zu erzielen. Auch das steht für unseren eingeschlagenen Weg. Aber die Strahlkraft dieses neuen Engagements in die Stadt und Region hinein ist enorm. Diese Partnerschaft kann daher gar nicht hoch genug bewertet werden – denn sie zieht auch potenziell neue Sponsoren an.
Dein zweiter Transfersommer als Sportdirektor neigt sich dem Ende. Was war in diesem Jahr bei der Kaderplanung anders?
Ich konnte auf die Erfahrungen aus der letzten Saison zurückgreifen. Den einen oder anderen Fehler, den ich im Sommer 2024 noch gemacht habe, konnte ich diesmal vermeiden. Wir konnten spannende Transfers realisieren, und der Kader wirkt insgesamt runder. Sicher hat dazu auch die Zusammenarbeit mit Cheftrainer Benjamin Duda beigetragen, weil wir uns intensiv mit den Profilen unserer neuen Spieler beschäftigt haben.
Was war rückblickend der größte Fehler in deiner ersten Transferphase?
Der Umgang mit Beratern. Und auch das richtige Einschätzen des Marktes, weil er riesengroß ist. Selbst jetzt, wo die Saison längst begonnen hat, gibt es noch unzählige Spieler, die uns weiterbringen würden und noch keinen Vertrag haben. Ich würde mir heute keinen Zeitdruck mehr machen lassen – der Markt reguliert vieles von selbst.
Chris, danke für das Gespräch – und viel Erfolg für deine zweite Saison als Sportdirektor beim Chemnitzer FC.
Interview: Henry Buschmann



